Jung & Naiv (Medienpräsenz)

3:33:55

Zu Gast im Studio: Journalist Hüseyin Doğru. Er wurde als Gründer und Betreiber der Website Red (auch Red Media [siehe auch: https://thered.stream/]) bekannt. Im Mai 2025 wurden Doğru und AFA Medya vom Rat der Europäischen Union sanktioniert. Der Rat begründete die Listung damit, Doğru sei Gründer und Vertreter von AFA Medya, die Red betreibe. Red habe nach Darstellung des Rates enge finanzielle und organisatorische Verbindungen zu Akteuren russischer Staatspropaganda und verbreite falsche Informationen, um ethnische, politische und religiöse Zwietracht zu säen. Doğru und Red wiesen diese Vorwürfe zurück.

Ein Gespräch über die EU-Sanktionierung von Hüseyin sowie die Folgen für sein Leben, die offizielle Begründung seitens der EU, die Geschichte der europäischen Sanktionspraxis und die Veränderung seit 2022, Presse- und Meinungsfreiheit, Hüseyins Kindheit, Eltern und Jugend, seinen Weg in den Journalismus und zu "Redfish" 2017, Redfish als 100% Tochter von Ruptly als Tochter von Russia Today, journalistisches Arbeiten für das ausländische Propaganda-Netzwerk des russischen Staats sowie das Ende von Redfish und den Beginn von "red media" 2022.

3:19:48

Zu Gast im Studio: Philosoph Tilo Wesche. Er ist Professor für Praktische Philosophie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Kritische Theorie, Eigentumstheorie und Nachhaltigkeit. 2023 erschien sein Buch "Die Rechte der Natur - Vom nachhaltigen Eigentum" (suhrkamp-Verlag).

Ein Gespräch über Tilos akademischen Werdegang und sein Dasein als Philosophieprofessor, seine Kindheit, sein Aufwachsen in Namibia, Apartheid und Kolonialismus, Demokratie und Eigentumsrechte, unser Eigenstumsverständnis, Privateigentum vs. Gebrauchseigentum, konkrete Beispiele für eigene Rechte der Natur uvm. 

2:15:12

Ein Gespräch über den "stochastischen Papagei", Hype um LLMs wie ChatGPT, Nutzen von "KI", Angst vor dem Ende der Herrschaft des Menschen, "Mythos" von Anthropic, KI-Nutzung in Kriegen, Open Claw, die Cybercrime-Konvention, den Stand bei der EU-Chatkontrolle, Vorratsdatenspeicherung sowie Palantir, deutsche Polizei und die Probleme mit automatischer Datenanalyse.

3:45:51

Zu Gast im Studio: Christoph Safferling, Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht, Internationales Strafrecht und Völkerrecht an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist Direktor der Internationalen Akademie Nürnberger Prinzipien. Zuletzt erschien sein Buch "Ohnmacht des Völkerrechts - Die Rückkehr des Kriegs und der Menschheitsverbrechen" im dtv-Verlag.

Ein Gespräch über Christophs Akademie, Lehre und Studierende, seine Jugend, Eltern und seinen akademischen Werdegang, die sieben Nürnberger Prinzipien, die Nürnberger Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg, die Strategie der Anklage und der Verteidigung, das Kreuzverhör von Hermann Göring, Altnazis im westdeutschen Justizsystem der Nachkriegszeit, Christophs Studie für das Bundesjustizministerium, sein Blick auf die großen Völkerrechtsbrüche der aktuellen Zeit: Ukrainekrieg, Irankrieg, Israel/Gaza und deutsche Mitverantwortlichbarkeit uvm.

3:28:44

Ein Gespräch über Cum-Ex, Olivers Weg zu seinen Recherchen zum Nord-Stream-Anschlag, die gängigen Theorien von russischen oder amerikanischen (CIA) Tätern, Olivers Vorwurf von "Deutschlands Verrat an der Ukraine", deutsche Unterstützung für die Ukraine seit der russischen Invasion 2022, Hintergründe zur Recherchearbeit von Oliver und Ulrich Thiele, Nähe zu Quellen und die fragwürdige Glaubwürdigkeit von Tätern, Strippenziehern und Geheimdienstagenten, die Rolle von Präsident Selenski sowie die ausführliche Chronologie der Ereignisse der Nord-Stream-Sabotage + eure Fragen via Hans

3:26:23

Zu Gast im Studio: Michael Schmidt-Salomon. Er ist Philosoph, Autor, Mitbegründer und Vorstandssprecher der evolutionär-humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung. Laut Global Thought Leader Index zählt Schmidt-Salomon zu den einflussreichsten Ideengebern im deutschsprachigen Raum. Er gilt als Deutschlands bekanntester Religionskritiker.

Ein Gespräch über Philosophie, Humanismus und Aufklärung, Religion und unsere Gesetze, Abtreibung, Sterbehilfe und Beschneidung, Rolle der Kirche in Deutschland, Michaels kindliche Gläubigkeit, Gott, Religion und Spiritualität, Moralismus und Ethik, Gut und Böse, Grundrechte für Menschenaffen, evolutionärer Humanismus und Naturalismus, künstliche Intelligenz, Mensch und Tier, die Klimakatastrophe und Kapitalismus, Atheismus und die Muslimfeindlichkeit der "Neuen Atheisten", die multikulturelle und transkulturelle Gesellschaft, Verschwörungsmythen, Michaels Giordano Bruno Stiftung sowie Michaels Biografie + eure Fragen.

2:53:25

Wichtigste Punkte des Interviews (mit Timestamps)

🎙️ Einführung & Kontext

  • 0:34 – Gast: Clara Mattei (Ökonomin, Autorin von „The Capital Order“), Ziel: kritisches ökonomisches Wissen außerhalb der Uni verbreiten
  • 1:03 – In Berlin wegen SPD-Preis für ihr Buch

⚠️ Grundthese: Kapitalismus ist kein neutrales System

  • 2:29 – Aktuelles System sei „unsustainable“, schade globalem Süden & Mehrheit im Norden
  • 3:34 – Kapitalismus = politisch konstruiert, nicht „natürlich“
  • 4:22 – Märkte brauchen aktive staatliche Eingriffe (z. B. Austerität), um stabil zu bleiben

👉 Kerngedanke:
Das System funktioniert nicht von selbst, sondern wird aktiv durch Politik abgesichert.


🧩 Kapitalismus „funktioniert“ – aber nicht für Menschen

  • 7:09 – „Kapitalismus funktioniert gut – aber für Profite, nicht für Bedürfnisse“
  • 9:25 – Börsen steigen, während viele Menschen Rechnungen nicht zahlen können
  • 10:30 – Immer größerer Anteil des Einkommens geht an Kapital statt Arbeit

👉 Kerngedanke:
Wachstum ≠ Wohlstand für alle


🏆 Gewinner vs. Verlierer

  • 12:19 – Mehrheit der Menschen = „Verlierer“ im System
  • 13:52 – Gewinner: kleine Elite, oft große Investoren/Asset Manager
  • 13:12 – Selbst gut bezahlte Jobs verlieren „Autonomie“

👉 Definition:
„Verlierer“ ≠ persönliches Versagen, sondern strukturelle Rolle im System


🏛️ Rolle von Ökonomie & Akademikern

  • 19:25 – Mainstream-Ökonomie legitimiert System
  • 20:22 – Markt wird als „bedürfnisbefriedigend“ dargestellt
  • 26:23 – Modelle blenden Klassenkonflikte aus

👉 Kerngedanke:
Ökonomische Theorie = ideologisch geprägt, nicht neutral


📚 Historische These: Kapitalismus & Faschismus

  • 5:18 – Faschistische Regime schützten Kapitalakkumulation
  • 56:40 – Liberale unterstützten Mussolini wegen wirtschaftlicher Stabilität
  • 1:03:10 – Beispiele: Chile, Indonesien, Russland

👉 Kerngedanke:
Autoritäre Systeme können eingesetzt werden, um kapitalistische Ordnung zu stabilisieren


💸 Austerität (Sparpolitik) – zentrale Idee

  • 1:31:49 – Offizielle Definition (Sparen) greift zu kurz
  • 1:32:17 – Realität: Kürzungen bei Sozialem + Unterstützung für Kapital
  • 1:33:26 – Regressive Steuern belasten vor allem Arme

👉 Kerngedanke:
Austerität = Umverteilung nach oben


🏗️ „Drei Formen“ von Austerität

  • 1:35:15
    1. Fiskalisch – Kürzungen bei Sozialleistungen
    2. Industriell – Löhne drücken, Arbeitsrechte schwächen
    3. Monetär – Zinsen erhöhen → Arbeitslosigkeit steigt

👉 Ziel:
Arbeitskräfte disziplinieren & Kapital schützen


📉 Zinsen & Arbeitslosigkeit

  • 1:36:36 – Höhere Zinsen → mehr Arbeitslosigkeit
  • 1:37:26 – Weniger Streiks & Gewerkschaftsmacht

👉 Kerngedanke:
Arbeitslosigkeit wird bewusst genutzt, um Druck auf Arbeitnehmer auszuüben


⚖️ Kritik an „progressiver“ Ökonomie

  • 1:42:25 – Fokus nur auf Wachstum vs. Sparpolitik greift zu kurz
  • 1:44:20 – Austerität ist kein Fehler, sondern systemisch notwendig

👉 Kerngedanke:
Das Problem ist nicht falsche Politik – sondern das System selbst


🔄 Reform vs. Systemwechsel

  • 1:45:17 – Mehr soziale Sicherheit könnte Kapitalismus destabilisieren
  • 1:56:26 – Reformen können Schritt Richtung Systemwechsel sein

🌍 Globaler Süden, Dollar-Abhängigkeit und verschärfte Austerität

  • 2:00:45 – Mattei sagt, dass Länder im globalen Süden trotz Ende des Goldstandards weiter stark vom Dollar abhängig sind
  • 2:00:57 – Weil ihre Währungen für internationale Investoren als weniger stabil gelten, müssten sie härtere Sparpolitik betreiben
  • 2:01:23 – Hohe Dollarreserven seien nötig, um Glaubwürdigkeit zu sichern

👉 Kerngedanke:
Austerität trifft den globalen Süden laut Mattei strukturell härter als den Norden.


🆕 Neue Formen von Austerität im 21. Jahrhundert

  • 2:01:52 – Frage nach neuen Austeritätsformen heute
  • 2:02:23 – Mattei nennt die Gig Economy als neue Form: prekäre Arbeit ohne klassisches Arbeitsverhältnis
  • 2:02:50 – Arbeiter seien formal selbstständig, aber real hochgradig unsicher beschäftigt
  • 2:03:03 – Auch „grüne“ Investitionspolitik könne mit Austerität vereinbar sein
  • 2:03:39 – Sie stellt die These auf, dass viele angeblich keynesianische Maßnahmen aus Klassenperspektive mit Austerität kompatibel seien
  • 2:04:06 – Kritik an großen „grünen“ Infrastrukturprojekten als extraktiv und ökologisch zerstörerisch
  • 2:05:13 – KI und Automatisierung nennt sie ebenfalls als Mechanismus, der Arbeit entwertet
  • 2:05:23 – Datenzentren und digitale Infrastruktur seien zusätzlich ökologisch belastend

👉 Kerngedanke:
Austerität erscheint hier nicht nur als klassisches Sparen, sondern auch als Prekarisierung, Technologiedruck und „grün“ verpackte Absicherung privater Profite.


💸 „Austerität für Reiche“ und Umverteilung von unten nach oben

  • 2:05:40 – Frage, wie „Austerität für Reiche“ aussehen würde
  • 2:06:17 – Mattei sagt: Reiche stärker zu besteuern wäre gerade das Gegenteil von Austerität
  • 2:07:00 – Sie verweist auf partizipative Budgetierung als Mittel, um Ressourcen anders zu verteilen
  • 2:07:50 – Solche Veränderungen seien nur durch Druck von unten erreichbar

👉 Kerngedanke:
Umverteilung zugunsten der Mehrheit ist für sie anti-austeritär und setzt kollektive politische Organisierung voraus.


🏙️ Beispiel Tulsa: lokale Eliten, Schulden und Philanthropie

  • 2:08:47 – In Tulsa würden wenige große Akteure die Stadt dominieren
  • 2:09:08 – Sie nennt u. a. die Kaiser Foundation
  • 2:09:22 – Tulsa beschreibt sie historisch als Ölzentrum, dessen Reichtum auf enteigneten indigenen Ressourcen beruhe
  • 2:10:12 – Die Stadt sei zugleich verschuldet bei denselben Finanzinteressen, die sich philanthropisch geben
  • 2:13:07 – Steuergelder flössen so teils in den Schuldendienst zurück an mächtige Institutionen
  • 2:13:47 – Philanthropie erscheint bei ihr als Rückgabe kleiner Teile zuvor angeeigneten Reichtums

👉 Kerngedanke:
Lokale Wohltätigkeit verdeckt ihrer Ansicht nach oft strukturelle Macht, Verschuldung und Umverteilung nach oben.


🎓 Universität Tulsa, Heterodoxie und Bruch mit der Institution

  • 2:14:28 – Frage, ob sie dort eine Ausnahmefigur sei
  • 2:14:49 – Sie erzählt, sie sei ursprünglich eingestellt worden, um ein Zentrum für heterodoxe Ökonomik aufzubauen
  • 2:15:16 – Nach einem Führungswechsel seien Projekte blockiert worden; Begründung: fehlendes Geld
  • 2:15:29 – Das Zentrum wurde nicht weiterfinanziert
  • 2:15:43 – Daraus entstand unabhängig von der Uni das Free Forum for Real Economic Emancipation
  • 2:16:14 – Ihre Lehre daraus: transformative Projekte lassen sich schwer auf private Institutionen stützen

👉 Kerngedanke:
Institutionelle Räume seien für tiefere Veränderung unzuverlässig; deshalb setzt sie auf selbstverwaltete, unabhängige Organisation.


🤝 Politische Organisierung als Lernprozess gegen Konkurrenzdenken

  • 2:17:09 – Sie beschreibt die neue Organisation als selbstverwalteten Rat / Assembly
  • 2:17:34 – Zusammenarbeit sei schwer, weil Menschen unter kapitalistischen Bedingungen Misstrauen und Konkurrenz internalisieren
  • 2:18:11 – Politische Räume müssten Vertrauen und gemeinsames Handeln erst wieder erlernen lassen

👉 Kerngedanke:
Nicht nur Institutionen, auch Subjekte seien vom System geprägt; demokratische Praxis müsse daher aktiv aufgebaut werden.


🏷️ Warum sie lieber „anti-kapitalistisch“ als „kommunistisch“ sagt

  • 2:18:24 – Frage, wie Menschen in Tulsa auf ihre Positionen reagieren
  • 2:18:34 – Sie sagt, sie vermeide Begriffe wie „kommunistisch“ oder „sozialistisch“
  • 2:18:46 – Stattdessen nutze sie Formulierungen wie anti-kapitalistisch oder ökonomische Emanzipation
  • 2:19:02 – Historisch realisierte sozialistische und kommunistische Systeme sieht sie ebenfalls kritisch, insbesondere in Bezug auf Austerität
  • 2:20:14 – Sie plädiert für neue Begriffe wie Commons, Selbstverwaltung oder regenerative Ökonomie
  • 2:20:50 – Die Linke kritisiert sie als zu sektiererisch

👉 Kerngedanke:
Sie will ideologisch aufgeladene Begriffe vermeiden und stattdessen eine breitere, praktisch anschlussfähige Sprache nutzen.


🧱 Lokale Praxis statt abstrakter Ideologie

  • 2:21:36 – Lokalmedien berichteten über ihre Arbeit, weil dort konkrete Probleme verhandelt würden
  • 2:21:45 – Themen seien u. a. Hunger, Gefängnissystem, Verschuldung und Alltagsnot
  • 2:22:00 – An Veranstaltungen nähmen viele Menschen teil, die sich selbst nicht als „links“ verstehen
  • 2:22:30 – Wissen erscheint hier als erster Schritt politischer Selbstermächtigung
  • 2:23:07 – Beispiel Oklahoma/Tulsa: Kinderhunger und Food Deserts
  • 2:23:36 – Fehlende Infrastruktur und Transport verstärkten soziale Ohnmacht
  • 2:24:24 – Widerstand gegen Rechenzentren wegen Wasserverbrauch und ökologischer Belastung

👉 Kerngedanke:
Politische Organisierung soll von realen lokalen Problemen ausgehen und so neue Bündnisse ermöglichen.


🧑‍🎓 Studiengebühren, Verschuldung und das brüchige Aufstiegsversprechen

  • 2:26:01 – Frage, was für Studierende sich 70.000 Dollar Studiengebühren leisten können
  • 2:26:12 – Mattei betont, dass viele Studierende nicht reich sind, sondern sich massiv verschulden
  • 2:26:26 – Beispiel: ein Student mit 250.000 Dollar Schulden musste statt eines PhD in eine Bank gehen
  • 2:27:10 – Universitäten würden mit irreführenden Versprechen über spätere Jobchancen werben
  • 2:28:04 – Das Hochschulsystem lebt für sie von der Illusion, ein Studium garantiere sozialen Aufstieg
  • 2:28:17 – Diese Illusion zerfalle zunehmend, auch wegen KI und schrumpfender Jobperspektiven

👉 Kerngedanke:
Private Hochschulbildung erscheint hier als verschuldungsgetriebene Aufstiegsfiktion mit immer schwächerer materieller Grundlage.


💰 Sollten Milliardäre oder Millionäre existieren?

  • 2:28:49 – Auf die Frage nach Milliardären antwortet sie klar: Nein
  • 2:28:56 – Dasselbe gilt für Millionäre
  • 2:29:07 – Begründung: Solche Vermögen seien nicht vertretbar, solange andere nicht einmal genug zum Leben haben
  • 2:29:17 – Auf die Frage, ob Geld überhaupt existieren sollte, antwortet sie offen, dass eine andere Gesellschaft möglicherweise ohne Geld auskommen könnte
  • 2:29:43 – „Tax the rich“ verteidigt sie als mobilisierende politische Forderung
  • 2:30:03 – Es gehe um die Abschaffung einer sozialen Stellung, nicht um Gewalt gegen Personen

👉 Kerngedanke:
Radikale Umverteilung ist für sie moralisch und politisch geboten; Vermögensspitzen seien gesellschaftlich nicht legitim.


✊ Warum wird nicht stärker zurückgeschlagen?

  • 2:31:27 – Zuschauerfrage: Warum kämpfen Gewerkschaften und Gesellschaft nicht stärker zurück?
  • 2:31:42 – Mattei antwortet: Menschen seien dahin gebracht worden zu glauben, dass sie nicht zählen
  • 2:32:25 – Gleichzeitig betont sie: Wenn Menschen mobilisieren, sei ihre Macht sehr real
  • 2:32:38 – Beispiel Generalstreik in Italien in Solidarität mit Gaza/Freedom Flotilla
  • 2:33:33 – Das Problem sei, dass solche Ausbrüche oft nicht in dauerhafte Gegeninstitutionen überführt werden
  • 2:34:08 – Deshalb müsse man dauerhafte organisatorische Formen schaffen

👉 Kerngedanke:
Nicht fehlende Macht, sondern fehlende dauerhafte Organisierung ist für sie das zentrale Problem.


🏛️ Was würde sie selbst politisch tun?

  • 2:34:23 – Frage nach drei Maßnahmen in Regierungsverantwortung
  • 2:34:40 – Erste Antwort: eine sehr hohe Vermögenssteuer
  • 2:34:58 – Gleichzeitig müsse man kollektive und autonome Formen der Bedürfnisproduktion stärken
  • 2:35:11 – Sie verweist auf Commons-Projekte und basisdemokratische Modelle weltweit

👉 Kerngedanke:
Umverteilung allein reicht nicht; nötig sei zugleich eine weniger kapitalabhängige Produktions- und Versorgungsweise.


📉 Neue Krise? Energie, Krieg und Imperium

  • 2:35:45 – Frage, ob eine Krise wie 2008 drohe
  • 2:36:00 – Mattei verweist auf die Energiekrise als entscheidenden Faktor
  • 2:36:14 – Anders als 2008 sei die gegenwärtige Krise aus ihrer Sicht noch sichtbarer politisch erzeugt
  • 2:36:28 – Die gesellschaftlichen Kosten träfen wieder normale Bürger, etwa über steigende Strompreise und Staatsschulden
  • 2:36:56 – Sie deutet die Entwicklung als imperial geprägt, mit den USA als hegemonialem Zentrum

👉 Kerngedanke:
Sie liest die aktuelle Krisendynamik als geopolitisch und imperial getrieben, nicht bloß als Marktversagen.


🗳️ Demokratie, Staat und Kapitalismus

  • 2:37:34 – Frage, ob Demokratie unter Kapitalismus überhaupt real ist
  • 2:37:47 – Mattei antwortet: echte Demokratie sei anti-kapitalistisch
  • 2:38:01 – Politische Demokratie könne nicht auf anti-demokratischen Wirtschaftsverhältnissen beruhen
  • 2:38:31 – Liberale Demokratie erscheint ihr daher als inhaltsleere Form, solange wirtschaftliche Macht ungleich verteilt bleibt
  • 2:38:46 – Hoffnung setzt sie auf kollektive Räume wie Assemblies, die Regierungen unter Druck setzen

👉 Kerngedanke:
Demokratie ist für sie erst dann substanziell, wenn wirtschaftliche Machtverhältnisse demokratisiert werden.


⚖️ Ist Austerität jemals sinnvoll?

  • 2:39:03 – Frage nach Grenzen und möglichem Nutzen von Austerität
  • 2:40:16 – Mattei grenzt sich von der üblichen Debatte ab, ob Austerität wachstumsfördernd oder selbstzerstörerisch sei
  • 2:41:05 – Ihre Position: Unter Kapitalismus ist Austerität immer notwendig, um die Ordnung zu stabilisieren
  • 2:41:34 – Für Menschen sei sie nie gut, für die kapitalistische Ordnung aber funktional
  • 2:42:43 – Besonders deutlich werde das im globalen Süden, wo Austerität Abhängigkeit vertiefe
  • 2:43:33 – Sie nennt Oxfam-Zahlen zur massiven Extraktion von Reichtum aus dem globalen Süden

👉 Kerngedanke:
Austerität ist für sie nicht gesellschaftlich notwendig, sondern systemisch notwendig – zur Erhaltung kapitalistischer Herrschaft.


🧠 Unwissen, schlechte Absicht oder Systemlogik?

  • 2:44:44 – Frage nach Varoufakis’ These, viele Verantwortliche seien weniger kompetent als gedacht
  • 2:45:21 – Mattei lehnt individualistische Erklärungen weitgehend ab
  • 2:45:58 – Entscheidend seien systemische, unpersönliche Kräfte
  • 2:46:30 – Viele Akteure handelten womöglich sogar in guter Absicht, glaubten aber an Modelle, die die eigentlichen Verhältnisse verschleiern
  • 2:47:42 – Bürokratien stabilisieren in dieser Logik die kapitalistische Ordnung
  • 2:47:51 – Deshalb erwartet sie Reformen nicht von oben, sondern durch Druck der Basis

👉 Kerngedanke:
Nicht Bosheit einzelner steht im Zentrum, sondern institutionalisierte Systemlogik und ökonomische Ideologie.


🎓 Persönlicher Schluss: Warum sie die Uni wechselt

  • 2:48:29 – Frage, warum sie an einer teuren Uni gearbeitet habe
  • 2:48:56 – Sie sagt, sie wechsle nun an das öffentliche John Jay College in New York
  • 2:49:13 – Dort fühle sie sich moralisch wohler
  • 2:49:31 – Zugleich betont sie, Beschäftigte könnten ihre Arbeitsverhältnisse meist nicht frei wählen
  • 2:49:56 – Bildung dürfe keine Ware sein
  • 2:50:17 – Das Free Forum versteht sie als freien Raum für kollektive, kritische Bildung

4:00:48

Ein Gespräch über Rainers Beruf, Jugend und akademischen Werdegang, seine Zeit in der Unternehmensberatung, Vernunft und Mathematik, den Begriff künstliche Intelligenz vs. Sprachmodelle vs. maschinelles Lernen, AI vs. AGI, Faschismus und Herrschaft, endliche Ressourcen und ihre Verteilung, Daten und Datenschutz, rechte Diskursverschiebung und den Aufstieg des neuen Faschismus, destruktive Übernahme des politischen Apparats, "Opfer bringen" und die Auslagerung von gruseligen Entscheidungen, Demokratie, Rechtsstaat und Machtbegrenzung, Solutionismus, Longterminismus, Eugenik und Singularität, White Supremacy und die "Manosphere" uvm.

Einige Zeitmarken

  • Persönlicher Hintergrund: Werdegang vom Mathematiker zum Philosophen [00:32].
  • KI-Kritik & Hype: Warum KI oft überschätzt wird und welche wirtschaftlichen Interessen dahinterstehen [02:12].
  • Gesellschaftliche Auswirkungen: Ausbeutung, Ungleichheit und die Veränderung der Arbeitswelt [01:34, 09:11].
  • Politischer Fokus: Die Gefahr von „Technofaschismus“ und die Rolle des Rechtsstaates [03:54:59, 03:56:52].

Das Gespräch bewegt sich von den mathematischen Grundlagen der KI über soziotechnische Auswirkungen bis hin zur politischen Theorie des „Technofaschismus“.

1. Der KI-Hype und die „KI-Differenz“

Mühlhoff analysiert, dass zwischen der öffentlichen Wahrnehmung (dem Hype) und der technologischen Realität eine massive Kluft besteht.

  • KI als Heilsversprechen: Die Politik und Industrie präsentieren KI oft als Lösung für komplexe soziale Probleme (z. B. Pflegenotstand, Klimawandel), was Mühlhoff als Ablenkungsmanöver kritisiert.
  • Die Realität der Statistik: Er betont seinen Hintergrund als Mathematiker: KI ist im Kern Mustererkennung auf Basis von Trainingsdaten (Statistik), kein „Verstehen“ oder „Denken“. Fehler wie „sechs Finger auf KI-Bildern“ entstehen, weil das Modell lediglich Wahrscheinlichkeiten von Pixel-Kombinationen berechnet.

2. Daten-Ausbeutung und digitale Ungleichheit

Ein zentrales Thema ist die materielle Basis der KI, die oft unsichtbar bleibt.

  • Klick-Arbeit: KI-Systeme funktionieren nur durch die massive Vorarbeit von Menschen (oft im globalen Süden), die Daten für Hungerlöhne kategorisieren und labeln.
  • Daten-Extraktivismus: Mühlhoff vergleicht die Datengewinnung mit dem Bergbau. Große Tech-Konzerne extrahieren Daten von Nutzern, um daraus Kapital zu schlagen, während die Nutzer kaum profitieren und oft sogar durch algorithmische Sortierung benachteiligt werden.

3. Algorithmische Diskriminierung und Prädiktion

KI-Systeme sind laut Mühlhoff nicht objektiv, sondern zementieren bestehende Machtstrukturen.

  • Prädiktive Analytik: Wenn Versicherungen oder Banken KI einsetzen, um Risiken zu bewerten, geschieht dies oft auf Basis von Gruppenmerkmalen. Das führt dazu, dass Individuen aufgrund ihres Umfelds diskriminiert werden (z. B. höhere Versicherungsprämien für Bewohner bestimmter Stadtteile).
  • Soziotechnische Systeme: KI sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern als System aus Software, Daten und menschlichen Entscheidungsprozessen, die oft Vorurteile (Bias) enthalten.

4. Technofaschismus: Die politische Gefahr

Gegen Ende des Gesprächs erläutert Mühlhoff seine These zum „Technofaschismus“, die er in seinem Buch vertieft.

  • Vom Überwachungskapitalismus zum Autoritarismus: Er warnt davor, dass die Infrastrukturen der großen Tech-Plattformen perfekt geeignet sind, um von autoritären Regimen zur Kontrolle und Unterdrückung genutzt zu werden.
  • Automatisierte Ausgrenzung: Faschismus im digitalen Zeitalter bedeutet für ihn die automatisierte Identifikation und Marginalisierung von „Abweichlern“ oder Minderheiten durch Algorithmen.
  • Resilienz des Rechtsstaates: Mühlhoff betont, dass der Rechtsstaat hier keine Kompromisse eingehen darf. Demokratische Politik basiere zwar auf Kompromissen, doch die Grundprinzipien des Rechtsstaates müssten gegenüber technologischen Übergriffen absolut geschützt werden.

5. Kritik an der „Ethik-Debatte“

Mühlhoff steht der gängigen „KI-Ethik“ skeptisch gegenüber.

  • Ethik-Washing: Viele Unternehmen nutzen Ethik-Beiräte als Marketinginstrument, um harte gesetzliche Regulierungen zu verhindern.
  • Statt Ethik mehr Machtkritik: Er fordert einen Wechsel der Perspektive: Weg von abstrakten ethischen Richtlinien hin zu einer konkreten Analyse von Machtverhältnissen und Eigentumsstrukturen in der Digitalwirtschaft.

Fazit der 4 Stunden

Das Gespräch ist ein Plädoyer für eine kritische Philosophie der KI. Mühlhoff fordert dazu auf, KI nicht als magische Technologie zu bestaunen, sondern als politisches und ökonomisches Werkzeug zu begreifen, das derzeit vor allem zur Akkumulation von Kapital und Macht dient. Er sieht die Gesellschaft an einem Wendepunkt, an dem die demokratische Kontrolle über diese Infrastrukturen entscheidend für die Freiheit des Einzelnen ist.

3:33:40

Ein Gespräch über Dibas Jugend und Werdegang, eigene Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen im Auswärtigen Amt, die Geschichte des Iran der letzten hundert Jahre, den Shah und die aktuelle Rolle des Shah-Sohns, das sogenannte "Mullah"-Regime, die Macht der Kleriker und Revolutionsgarden, blinde Flecken des Westens im Bezug auf Iran, iranische Verbündete und Feinde in der Region, amerikanische, israelische und iranische Kriegsziele, die iranische Diaspora, das Leid der iranischen Zivilbevölkerung.

59:46

Zeitmarken

Termine des Bundeskanzlers (Woche ab dem 16. März 2026)

  • Montag, 16. März: Empfang des neuen niederländischen Ministerpräsidenten Rob Jetten mit militärischen Ehren. Themen sind die bilaterale Zusammenarbeit, die Lage im Nahen Osten und die Unterstützung der Ukraine [00:22].
  • Dienstag, 17. März: Treffen mit der Präsidentin des EU-Parlaments, Roberta Metsola. Schwerpunkte sind Wettbewerbsfähigkeit, Bürokratieabbau und Handelspolitik [01:06].
  • Mittwoch, 18. März: Kabinettssitzung unter Teilnahme des französischen Außenministers Jean-Noël Barrot [01:51]. Nachmittags hält der Kanzler eine Regierungserklärung zum bevorstehenden Europäischen Rat im Bundestag [02:34].
  • Donnerstag/Freitag, 19.–20. März: Teilnahme am Europäischen Rat in Brüssel. Hauptthemen sind die EU-Wettbewerbsfähigkeit, die Ukraine, Migration und der Finanzrahmen 2028–2034 [02:54].

Außen- und Sicherheitspolitik

  • Ölsanktionen gegen Russland: Die Bundesregierung kritisiert die Entscheidung der USA, Ölsanktionen gegen Russland zeitweise zu lockern. Kanzler März bezeichnete dies als falsches Signal, da der Druck auf Russland aufrechterhalten werden müsse [08:44].
  • Ukraine-Unterstützung: Es wird betont, dass die beschlossenen 90 Milliarden Euro Hilfen innerhalb der EU trotz Blockaden durch Ungarn final abgewickelt werden sollen [05:40].
  • Evakuierungen aus der Golfregion: Bisher wurden rund 1.100 schutzbedürftige Personen mit sechs Sonderflügen aus der Krisenregion ausgeflogen. Weitere Ausreisen erfolgen nun primär über kommerzielle Wege [30:05].

Innen- und Wirtschaftspolitik

  • Spritpreise: Zur Dämpfung der Preise an Tankstellen ist geplant, Preisänderungen auf einmal pro Tag zu begrenzen. Zudem soll die strategische Ölreserve freigegeben werden [19:22].
  • Deutsche Nationalbibliothek: Staatsminister Weimer plant eine Gesetzesänderung, um die Ablieferungspflicht für Verlage von zwei auf ein physisches Exemplar zu reduzieren. Dies führt zum Stopp des geplanten Erweiterungsbaus [41:20].
  • Terrorabwehrübung GETEX: In Schleswig-Holstein startet eine mehrtägige Übung von Polizei und Bundeswehr zur Terrorismusabwehr, bei der die Bundeswehr unterstützende Aufgaben (Logistik, Aufklärung) übernimmt [55:15].
  • Steuerreform: Berichte über eine Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 49 % wurden als Spekulation bezeichnet. Haushaltseckwerte werden für Ende April erwartet [45:17].