TheNokturnalTimes (Medienpräsenz)

1:27:52

"Wie kaum ein anderer Schriftsteller erfasste Andrej Platonov (1899–1951) in seinem Werk die Widersprüche des ersten sozialistischen Staates, der Sowjetunion. Die Kritik war so tiefgehend, dass die meisten seiner Bücher erst während der Perestroika oder nach dem Ende der Sowjetunion erscheinen konnten.

Nahezu unbekannt ist, dass Platonov ein ökologischer Prophet war. Anfang der 1920er Jahre nahm er als Ingenieur für Bewässerung und Elektrifizierung am Aufbau des Landes teil und setzte sich schon damals für die Nutzung der Sonnenenergie ein. Er war davon überzeugt, dass man in der jungen Sowjetunion eine neue Wirtschaft errichten muss, die die natürlichen Ressourcen schont. Eine ökologische Katastrophe, so Platonov, lasse sich nur verhindern, wenn fossile Brennstoffe durch regenerative Energien ersetzt werden und der Mensch ein neues Bewusstsein erlangt.

Der Schriftsteller hat die gewaltigen ökologischen Probleme, vor denen wir im 21. Jhd. stehen, vorhergesehen & erstaunlich aktuelle Ansätze zu ihrer Überwindung aufgezeigt. Platonovs hochaktuelles ökologisches Denken durchzieht sein gesamtes literarisches Werk. Die Utopie vom Aufbau einer neuen Gesellschaft fällt beim Sozialisten Platonov mit der ökologischen Utopie zusammen.

(...) Leetz unternimmt den Versuch, diesen bisher kaum erschlossenen Aspekt im Schaffen des Schriftstellers zu erhellen. Im Mittelpunkt steht der Schlüsseltext "Über die erste sozialistische Tragödie". Er ist Platonovs Warnung: vor der Zerstörung von Mensch & Natur durch die Stalinsche Industrialisierung in seiner Gegenwart, & vor einer globalen ökologischen Katastrophe in der Zukunft." 

Platonovs Werke sind keine reinen Anti-Utopien oder Dystopien. Sie stellen die "Tragödie des ersten sozialistischen Staates" dar, die jedoch auf seinem tief verwurzelten Ideal vom Sozialismus & einer kommunistischen Utopie basiert. Der Vortrag argumentiert, dass Platonov den "tragischen Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideal" gestaltet. Seine Utopie, die sich in jungen Jahren herausbildete & mit konkreten Vorstellungen vom Aufbau einer neuen Gesellschaft verbunden war, blieb erstaunlich konsequent bis zum Ende seines Lebens bestehen.

Platonov hat bereits in den frühen 1920er Jahren die Notwendigkeit der Nutzung erneuerbarer Energien, insbesondere der Sonnenenergie, erkannt. Er war überzeugt, dass eine künftige ökologische Katastrophe nur verhindert werden könne, wenn fossile Brennstoffe ersetzt & der Mensch ein neues Bewusstsein erlangt. Die Dürrekatastrophe von 1921 prägte ihn tief & führte dazu, dass er sich als Ingenieur dem Kampf gegen die Wüste widmete. Seine Artikel wie "Der Mensch & die Wüste" oder "Licht & Sozialismus" belegen seine visionären Gedanken zur Schonung natürlicher Ressourcen & zur globalen Energiewende. Die Wüste wird dabei nicht nur als Naturphänomen, sondern als Resultat menschlichen "unvernünftigen Wirtschaftens" verstanden.

Der Vortrag betont die organische Verbindung von Platonovs literarischem Schaffen & seiner Tätigkeit als Ingenieur. Sein Vater, ein technisch begabter Schlosser, prägte ihn hierin. Platonovs praktische Arbeit als Meliorator & Leiter der Elektrifizierung in der Landwirtschaft floss direkt in seine Literatur ein. Werke wie "Schewingur" (mit der Erfindung der Solarzelle) oder die fiktive Reportage "Der erste Ivan" (mit der Umwandlung von Wüste in fruchtbares Land) sind Beispiele dafür, wie er seine technischen Visionen & ökologischen Ideale literarisch verarbeitete. Selbst sein Scheitern als Meliorator aufgrund bürokratischer Strukturen wurde zur Grundlage seines weiteren literarischen Schaffens.

Der Essay "Über die erste sozialistische Tragödie" wird als Schlüsseltext für Platonovs Werk & das gesamte 20. Jhd. hervorgehoben: Der Mensch besitzt die technischen Möglichkeiten zur Ausbeutung der Natur, aber nicht die "seelische Reife", um verantwortungsvoll damit umzugehen. Der Satz "Doch der Mensch ändert sich langsamer, als er die Welt verändert. Genau darin besteht das Zentrum der Tragödie" fasst dies zusammen. Platonovs Forderung nach "schöpferischen Ingenieuren der menschlichen Seelen" ist eine Polemik gegen Stalins Verständnis von Schriftstellern als bloße Sprachrohre & eine Forderung nach der Herausbildung einer "ureigenen, nicht fremdbestimmten Seele", um eine ökologische Katastrophe zu verhindern. Der Sozialismus wird als "Tragödie der angespannten Seele" gedeutet, die ihre "eigene Verkrüppelung überwindet", um die Zukunft zu schützen.

Der Vortrag schildert Platonovs wiederholte Konflikte mit der sowjetischen Bürokratie und Zensur. Sein Scheitern als Meliorator aufgrund des Bürokratismus und die Verurteilung seiner Werke wie "Zu Nutz & Frommen" (durch Stalin persönlich) und "Schewingur" als "konterrevolutionär" oder "Kolakken-Chronik" führten zu seiner Isolation & einem Publikationsverbot. Trotzdem blieb er seinen Idealen treu, was seine "erstaunliche Konsequenz" unterstreicht.

Zum Anhören auch hier.

2:05:12

"War alles Descartes‘ Schuld? – Einige Betrachtungen zum Verhältnis von Narzissmus und Warenfetischismus

Der Narzissmus gehört zum postmodernen, neoliberalen Kapitalismus wie die klassische Neurose zum Kapitalismus der Aufstiegsphase: diese Ansicht ist mittlerweile recht verbreitet. Aber meistens wird „Narzissmus“ nur als übertriebenes Selbstwertgefühl verstanden. Eine weitergehende, sich z. T. auf Christopher Lasch stützende Interpretation sieht darin eine Regression auf archaische, frühkindliche Stadien.

Lasch selbst bringt diese Regression in Zusammenhang mit dem postfordistischen, konsumorientierten Kapitalismus, so wie auch neuere Autoren (Götz Eisenberg, Neo-Lacanianer in Frankreich). Das reicht aber nicht. Der Narzissmus, im Sinne der Abwesenheit echter Objektbeziehungen, ist eng mit der abstraktifizierenden Wertlogik verknüpft, die von jedem Inhalt absieht . Dieser Zusammenhang besteht bereits seit Descartes‘ „Cogito ergo sum“ und seiner „Weltlosigkeit“, aber zeigt sich erst heute in seinem ganzen Destruktionspotential." 

„Der Fetischcharakter der Ware ist nicht bloß Schleier 
sondern Imperativ.“  (Theodor W. Adorno, Drei Studien zu Hegel)

Die Synthese aus Wertkritik und Psychoanalyse enthüllt, dass die Krisen der Gegenwart – ökonomische, ökologische, soziale, psychische – nicht isolierte Phänomene sind, sondern Ausdruck einer fundamentalen, in sich widersprüchlichen Gesamtlogik, die sowohl die objektive Struktur unserer Gesellschaft (Wertform) als auch die subjektive Verfasstheit der Individuen (Narzissmus) durchdringt. Die Konsequenzen sind gravierend:

1.    Totalität der Entfremdung: 
Die Parallele zwischen Wertabstraktion und narzisstischer Abstraktion zeigt eine Entfremdung, die tiefer geht als nur die Entfremdung von der Arbeit oder den Produkten. Es ist eine Entfremdung von der konkreten Welt als solcher – von der Natur, von anderen Menschen, ja sogar vom eigenen Körper und der eigenen Bedürftigkeit, die als Störung der narzisstischen Autarkie oder der abstrakten Wertakkumulation empfunden wird.

2.    Selbstzerstörerische Dynamik: 
Sowohl die Logik des Werts (der seine eigenen materiellen Grundlagen zerstört) als auch die des Narzissmus (der durch die Abwehr der Abhängigkeit und die Unfähigkeit zu echten Objektbeziehungen innerlich verödet und destruktiv wird) sind inhärent selbstzerstörerisch. Die Gesellschaft des Werts und des Narzissmus sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt.

3.    Erosion von Widerstandspotenzial: 
Die Verschiebung von äußerer, ödipaler Autorität zu internalisierten, archaischen Über-Ich-Anforderungen, die als Selbstverwirklichung oder Sachzwang erscheinen, macht Widerstand extrem schwierig. Kritik wird oft als Angriff auf das (vermeintliche) Eigeninteresse oder als irrational abgetan. Die narzisstische Unfähigkeit zur Empathie und Solidarität untergräbt zudem kollektives Handeln.

4.    Krise als Form: 
Die Krise ist nicht nur ein Betriebsunfall, sondern die logische Konsequenz einer Form, die an ihre innere und äußere Grenze stößt. Die "reine" Entfaltung der Wertlogik und ihres narzisstischen Korrelats ist nicht ihr Triumph, sondern ihr Übergang in den offenen Zerfall und die Barbarisierung.

5.    Notwendigkeit einer fundamentalen Transformation: 
Eine Lösung kann nicht in oberflächlichen Korrekturen liegen (etwas mehr Regulierung, etwas mehr Therapie). Sie erfordert eine Überwindung der zugrundeliegenden Form – der abstrakten Herrschaft des Werts und der narzisstischen Abwehr der menschlichen Bedingtheit (Abhängigkeit, Bedürftigkeit, Getrenntheit). Dies impliziert die Notwendigkeit, neue Formen des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur und neue Formen nicht-instrumenteller, empathischer Beziehungen zwischen Menschen zu entwickeln, die das Konkrete, Qualitative und die gegenseitige Abhängigkeit anerkennen und wertschätzen. Es geht um die Wiederaneignung der Sinnlichkeit und der Fähigkeit zur echten Objektbeziehung jenseits von abstrakter Verwertung und narzisstischer Projektion.

Jappes Analyse ist somit ein dringender Appell, die Tiefe der Krise zu erkennen und nach Wegen zu suchen, die sowohl die äußeren Strukturen als auch die inneren Verheerungen dieser Zivilisationsform adressieren.

1:33:20

"Die Sendung widmet sich Pierre Bourdieu "Die verborgenen Mechanismen der Macht". Zu hören sind unter anderem folgende Beiträge: "Habitus, Feld, Kapital", "Der Kampftrupp Bourdieu", sowie ein Interview mit Bourdieu selbst." (Text, Quelle & MP3: https://goo.gl/Uqg7R8)

1. Zentrale Argumente
a) Soziale Akteure sind weder Marionetten noch rationale Rechner: 
Der Beitrag betont Bourdieus Auffassung, dass Menschen in ihrem Handeln weder vollständig determiniert noch rein rational gesteuert sind. Stattdessen agieren sie "gewitzt, subtil und schlau" und verfügen über ein implizites Wissen und Können, das in ihrem Habitus verkörpert ist.
b) Geschmack ist sozial konstruiert: 
Bourdieus Analyse des Geschmacks, insbesondere in seinem Werk "Die feinen Unterschiede", wird als zentrales Argument dafür präsentiert, dass Geschmack nicht individuell und angeboren ist, sondern vielmehr ein Produkt sozialer Bedingungen, Klassenlage und Bildung.
c) Machtmechanismen sind in allen sozialen Feldern wirksam: 
Der Beitrag argumentiert, dass Bourdieus Feldtheorie zeigt, dass in allen gesellschaftlichen Bereichen, von der Kunst über den Sport bis zur Politik, ähnliche Machtkämpfe und Strategien um Kapital und Anerkennung stattfinden.
d) Bourdieus Soziologie als Werkzeug zur Entlarvung von Herrschaftslogiken: 
Es wird argumentiert, dass Bourdieus Werkzeugkasten jüngeren Wissenschaftlern ermöglicht, Statuskämpfe und Machtmechanismen zu analysieren und Herrschaftslogiken in verschiedenen sozialen Feldern aufzudecken.
e) Die Notwendigkeit eines sozialen Europas: 
Bourdieus Kritik am "Europa des Geldes" und seine Forderung nach einem "sozialen Europa" werden als Ausdruck seines politischen Engagements gegen den Neoliberalismus und für die Verteidigung sozialer Errungenschaften dargestellt.

2. Zentrale Folgerungen
a) Bourdieus Werk hat die Sozialwissenschaften nachhaltig beeinflusst: 
Der Beitrag kommt zu dem Schluss, dass Bourdieu einer der einflussreichsten Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts ist, dessen Werk in zahlreichen Disziplinen und Ländern rezipiert wird.
b) Bourdieus Begriffe sind analytische Werkzeuge, keine starren Theorien: 
Es wird betont, dass Bourdieus Konzepte wie Habitus, Kapital und Feld als "Arbeitsbegriffe" zu verstehen sind, die aus der Forschungspraxis entstanden sind und der Analyse konkreter sozialer Phänomene dienen.
c) Bourdieus politisches Engagement ist konsequent aus seiner soziologischen Analyse abgeleitet: 
Der Beitrag legt nahe, dass Bourdieus politisches Engagement nicht im Widerspruch zu seiner wissenschaftlichen Arbeit steht, sondern vielmehr eine logische Konsequenz seiner Analyse sozialer Ungleichheit und Machtmechanismen darstellt.
d) Die Relevanz von Bourdieus Werk für die Gegenwart: 
Auch wenn Bourdieus empirische Studien oft auf Frankreich in den 1960er und 1970er Jahren fokussiert sind, wird argumentiert, dass seine methodischen Ansätze und theoretischen Konzepte weiterhin relevant sind, um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen und zu analysieren.
e) Die Kontroversen um Bourdieu zeigen die Lebendigkeit und Relevanz seiner Soziologie: 
Die heftigen Debatten und Kritiken, die Bourdieus Werk ausgelöst hat, werden als Zeichen seiner Bedeutung und der Brisanz seiner Analysen interpretiert.

1:37:11

"15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, hat Erich Mühsam, der berühmteste deutsche Anarchist, sein Leben festgehalten: ausführlich, stilistisch pointiert, schonungslos auch sich selbst gegenüber und niemals langweilig. Was diese Tagebücher so fesselnd macht, ist der wache Blick des Weltveränderers. Mühsam wollte Anarchie praktisch ausprobieren. Anarchie hieß für ihn: Leben ohne moralische Scheuklappen, ohne Rücksicht auf Konventionen – und er bewies, dass es geht. Auch das Schreiben ist Aktion, in allen Sätzen schwingt die Erwartung des Umbruchs mit, den er tatsächlich mit herbeiführt: Die Münchner Räterevolution ist auch die seine, und die Rache der bayerischen Justiz trifft ihn hart. Mühsams Tagebücher sind ein Jahrhundertwerk, das es noch zu entdecken gilt, sie erscheinen in 15 Bänden – und zugleich als Online-Edition. Die von Chris Hirte und Conrad Piens gewissenhaft edierten Textbände werden im Internet unter www.muehsam-tagebuecher.de veröffentlicht, begleitet von einem Anmerkungsapparat mit kommentiertem Namenregister, Sacherklärungen, ergänzenden Materialien, Suchfunktionen – es entsteht eine historisch-kritische Ausgabe. In dem ersten Band geht es vor allem um Mühsams zentrale Rolle in der Münchener Boheme. " (Text, Quelle & MP3: http://www.freie-radios.net/45359 | Veranstalter: http://www.golem.kr | Verlag: http://www.verbrecherverlag.de/)"15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, hat Erich Mühsam, der berühmteste deutsche Anarchist, sein Leben festgehalten: ausführlich, stilistisch pointiert, schonungslos auch sich selbst gegenüber und niemals langweilig. Was diese Tagebücher so fesselnd macht, ist der wache Blick des Weltveränderers. Mühsam wollte Anarchie praktisch ausprobieren. Anarchie hieß für ihn: Leben ohne moralische Scheuklappen, ohne Rücksicht auf Konventionen – und er bewies, dass es geht. Auch das Schreiben ist Aktion, in allen Sätzen schwingt die Erwartung des Umbruchs mit, den er tatsächlich mit herbeiführt: Die Münchner Räterevolution ist auch die seine, und die Rache der bayerischen Justiz trifft ihn hart. Mühsams Tagebücher sind ein Jahrhundertwerk, das es noch zu entdecken gilt, sie erscheinen in 15 Bänden – und zugleich als Online-Edition. Die von Chris Hirte und Conrad Piens gewissenhaft edierten Textbände werden im Internet unter www.muehsam-tagebuecher.de veröffentlicht, begleitet von einem Anmerkungsapparat mit kommentiertem Namenregister, Sacherklärungen, ergänzenden Materialien, Suchfunktionen – es entsteht eine historisch-kritische Ausgabe. In dem ersten Band geht es vor allem um Mühsams zentrale Rolle in der Münchener Boheme. " (Text, Quelle & MP3: http://www.freie-radios.net/45359 | Veranstalter: http://www.golem.kr | Verlag: http://www.verbrecherverlag.de/)"15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, hat Erich Mühsam, der berühmteste deutsche Anarchist, sein Leben festgehalten: ausführlich, stilistisch pointiert, schonungslos auch sich selbst gegenüber und niemals langweilig. Was diese Tagebücher so fesselnd macht, ist der wache Blick des Weltveränderers. Mühsam wollte Anarchie praktisch ausprobieren. Anarchie hieß für ihn: Leben ohne moralische Scheuklappen, ohne Rücksicht auf Konventionen – und er bewies, dass es geht. Auch das Schreiben ist Aktion, in allen Sätzen schwingt die Erwartung des Umbruchs mit, den er tatsächlich mit herbeiführt: Die Münchner Räterevolution ist auch die seine, und die Rache der bayerischen Justiz trifft ihn hart. Mühsams Tagebücher sind ein Jahrhundertwerk, das es noch zu entdecken gilt, sie erscheinen in 15 Bänden – und zugleich als Online-Edition. Die von Chris Hirte und Conrad Piens gewissenhaft edierten Textbände werden im Internet unter www.muehsam-tagebuecher.de veröffentlicht, begleitet von einem Anmerkungsapparat mit kommentiertem Namenregister, Sacherklärungen, ergänzenden Materialien, Suchfunktionen – es entsteht eine historisch-kritische Ausgabe. In dem ersten Band geht es vor allem um Mühsams zentrale Rolle in der Münchener Boheme. " (Text, Quelle & MP3: http://www.freie-radios.net/45359 | Veranstalter: http://www.golem.kr | Verlag: http://www.verbrecherverlag.de/)"15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, hat Erich Mühsam, der berühmteste deutsche Anarchist, sein Leben festgehalten: ausführlich, stilistisch pointiert, schonungslos auch sich selbst gegenüber und niemals langweilig. Was diese Tagebücher so fesselnd macht, ist der wache Blick des Weltveränderers. Mühsam wollte Anarchie praktisch ausprobieren. Anarchie hieß für ihn: Leben ohne moralische Scheuklappen, ohne Rücksicht auf Konventionen – und er bewies, dass es geht. Auch das Schreiben ist Aktion, in allen Sätzen schwingt die Erwartung des Umbruchs mit, den er tatsächlich mit herbeiführt:

Die Münchner Räterevolution ist auch die seine, und die Rache der bayerischen Justiz trifft ihn hart. Mühsams Tagebücher sind ein Jahrhundertwerk, das es noch zu entdecken gilt, sie erscheinen in 15 Bänden – und zugleich als Online-Edition. Die von Chris Hirte und Conrad Piens gewissenhaft edierten Textbände werden im Internet unter www.muehsam-tagebuecher.de veröffentlicht, begleitet von einem Anmerkungsapparat mit kommentiertem Namenregister, Sacherklärungen, ergänzenden Materialien, Suchfunktionen – es entsteht eine historisch-kritische Ausgabe. In dem ersten Band geht es vor allem um Mühsams zentrale Rolle in der Münchener Boheme. " (Text, Quelle & MP3: http://www.freie-radios.net/45359 | Veranstalter: http://www.golem.kr | Verlag: http://www.verbrecherverlag.de)

"Die blinde Dynamik des Kapitalismus entfaltet sich nach ihren eigenen inneren Gesetzen. „Notwendig“ und bis zu einem gewissen Grad determiniert ist dieser Prozess aber nur, solange die basalen Kategorien und Kriterien dieser historischen Produktions- und Lebensweise nicht praktisch in Frage gestellt werden. Bei einer entsprechenden Intervention hätte der Kapitalismus auf allen Stufen seiner Entwicklung gestoppt werden können. Dann hätte die Vergesellschaftung der Produktion einen anderen Verlauf genommen, über den wir nichts aussagen können, weil er real nicht stattgefunden hat.

Das ist keine Frage der objektiven Notwendigkeit, sondern eine Frage des kritischen Bewusstseins. Weder die Aufstände des 18. und frühen 19. Jahrhunderts noch die alte Arbeiterbewegung oder die neuen sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte waren in der Lage, ein solches Bewusstsein hervorzubringen. Im Gegenteil wurden die kapitalistischen Formen von abstrakter Arbeit, Verwertung des Werts und moderner Staatlichkeit immer mehr verinnerlicht. Das ist aber nur faktisch so. Deshalb „musste“ der Kapitalismus seine inneren Widersprüche nicht bis zu dem heute erreichten Punkt entwickeln, aber er hat es eben getan.

Jetzt stehen wir vor der Aufgabe, auf dem erreichten Stand der Widersprüche die Kritik der kapitalistischen Formen und das Programm ihrer Überwindung neu zu formulieren. Das ist einfach unsere historische Situation, und es ist müßig, den verlorenen Schlachten der Vergangenheit nachzutrauern. Auch wenn der Kapitalismus objektiv an absolute historische Grenzen stößt, kann die Emanzipation dennoch mangels eines ausreichenden kritischem Bewusstseins auch heute misslingen. Das Resultat wäre dann aber kein neuer Frühling der Akkumulation mehr, sondern, wie Marx gesagt hat, der mögliche gemeinsame Untergang in der Barbarei."

41:58

"Ökologische Ideen haben seit einigen Jahrzehnten zunehmend an gesellschaftliche Zustimmung gewonnen. Historisch war ein Großteil der Arbeiter:innenbewegung misstrauisch gegenüber Forderungen eines auf Nachhaltigkeit bedachten Umgangs mit der Natur, in letzter Zeit vertreten einige ökosozialistische Autor:innen eine Lesart des Marx‘schen Originals, die dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur eine systematische Stellung einräumen und eine Reihe von ökologischen Fragestellungen in Marx‘ Theorie und Forschung entdecken. Im Vortrag sollen einige Aspekte davon dargestellt werden. Valeria Bruschi, studierte Philosophin, ist seit 2008 in der politischen Bildungsarbeit zu den Themen rund um die Kritik der politischen Ökonomie tätig. Sie ist Mitautorin des Bildungsmaterials »Polylux Marx« und Mitherausgeberin des Sammelbandes »Das Klima des Kapitals -Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Ökonomiekritik« (2022, Dietz Verlag) und unterrichtet zudem in Berlin Deutsch für Migrant:innen und Geflüchtete. Zum Nachlesen gib es den Beitrag in der Maulwurfsarbeit V von der Gruppe associazione delle talpe. Der Vortrag fand im Rahmen des Symposiums „It’s a Material World – Zur Aktualität materialistischer Kritik“ am 14.05.2022 der Gruppe Polaris in Köln statt."