03.04.2022

Zur Kritik der Arbeit - Ein Vortrag von Robert Kurz (2005)

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Robert Kurz von der Gruppe Krisis (https://www.krisis.org) diagnostiziert das definitive Ende sowohl der traditionellen Arbeiterbewegung als auch des Staatssozialismus. Statt jedoch in kapitalistischen "Realismus" oder sozialistische Nostalgie zu verfallen, fordert er eine radikale Neufundierung der Kapitalismuskritik.

1.  Immanenz statt Opposition:
Die historische Arbeiterbewegung & der Staatssozialismus waren keine fundamentalen Gegenentwürfe zum Kapitalismus, sondern integrale Bestandteile seiner eigenen Modernisierungsgeschichte. Die westliche Arbeiterbewegung fungierte als innerkapitalistischer Modernisierungsmotor, der die Arbeiterklasse in das System integrierte. Der Ostblock-Sozialismus war eine Form der "nachholenden Modernisierung" an der kapitalistischen Peripherie, die Gesellschaften unter Zwang in die Logik von Arbeit & Staat presste.

2.  Kritik der Grundkategorien:
Der fundamentale Fehler der traditionellen Linken war es, die Grundkategorien der bürgerlichen Gesellschaft – abstrakte Arbeit, Ware, Wert, Geld, Staat, Nation, Demokratie – zu akzeptieren & lediglich mit dem Adjektiv "sozialistisch" zu versehen ("sozialistische Arbeit", "sozialistische Nation"). Eine wirkliche Überwindung muss diese Kategorien selbst an der Wurzel kritisieren & aufheben.

3.  Genealogie der "Arbeit":
Der Begriff der "abstrakten Arbeit" ist keine überhistorische Notwendigkeit, sondern ein historisch spezifisches Produkt. Er entspringt der Tätigkeit des antiken Sklaven, wurde durch das Christentum (Leiden als Tugend) & den Protestantismus (innerweltliche Askese als Zeichen der Auserwähltheit) ideologisch positiviert & fand seine materielle Grundlage in der militärischen Revolution der Frühmoderne, die einen permanenten staatlichen Geldhunger & damit die Logik der endlosen Kapitalverwertung (G-W-G') erzeugte.

4.  Die finale Krise der Arbeit:
Die dritte industrielle (mikroelektronische) Revolution markiert einen historischen Bruch. Erstmals macht der technologische Fortschritt mehr Arbeit überflüssig, als in neuen Sektoren geschaffen wird. Der Kompensationsmechanismus, der den Kapitalismus bisher rettete, versagt. Das System untergräbt seine eigene Substanz – die verausgabte menschliche Arbeit als Quelle des Werts.

5.  Zusammenbruch & Konsequenz:
Dieser Prozess führt global zu Massenarbeitslosigkeit, dem Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften auf der Peripherie & der Bildung gigantischer Blasen "fiktiven Kapitals" (Börsenspekulation) in den Zentren, um den realen Akkumulationsprozess zu simulieren. Die Krise der Arbeit ist unweigerlich die finale, unaufhebbare Krise des Kapitals. Die einzige emanzipatorische Folgerung ist der kategoriale Bruch mit der Arbeitsgesellschaft als solcher & die bewusste Aneignung der Produktivkräfte jenseits von Wert & Markt für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse & die radikale Vermehrung von Muße.

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Fazit: (TNT)
Die erste & grundlegendste Konsequenz ist eine globale kategoriale Weigerung. Eine Weigerung, das eigene Leben weiterhin als menschliches Kapital zu betrachten, das auf dem Markt verwertet werden muss. Eine Weigerung, die Würde des Menschen an seine Nützlichkeit für den absurden Selbstzweck der Kapitalakkumulation zu binden. Diese Negation richtet sich gegen die Arbeit, nicht gegen die Tätigkeit; gegen den Wert, nicht gegen den Reichtum; gegen den Staat, nicht gegen die gesellschaftliche Organisation. Sie ist die bewusste Entkopplung des menschlichen Lebens von seiner ökonomischen Form.

Die mikroelektronische Revolution hat objektiv die materielle Basis für das Reich der Freiheit geschaffen. Die Möglichkeit, die notwendige gesellschaftliche Reproduktion mit einem Minimum an menschlicher Anstrengung zu gewährleisten & den Großteil der Lebenszeit der Muße, der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen Interaktion & der bewussten Gestaltung des Lebens zu widmen, ist technisch trivial. Die Konsequenz ist, diese Produktivkräfte dem Verwertungsdiktat zu entreißen & sie unter bewusste gesellschaftliche Kontrolle zu stellen. Dies ist keine Frage der Verstaatlichung (die den Staat als bürgerliche Kategorie beibehält), sondern der direkten gesellschaftlichen Aneignung & Planung jenseits von Markt & Staat.

An die Stelle der unbewussten, fetischistischen Vermittlung durch Wert und Geld muss die bewusste Absprache und Koordination der frei assoziierten Individuen über ihre gemeinsamen Angelegenheiten treten. Dies erfordert die Entwicklung neuer Institutionen der Entscheidung, die nicht mehr die Konkurrenz von Privatinteressen verwalten, sondern die gemeinsame Sorge um das gesellschaftliche und natürliche Wohl organisieren. Die Frage ist nicht mehr: "Was ist profitabel?", sondern: "Was für eine Welt wollen wir, und wie setzen wir unsere gewaltigen Potenziale dafür ein?"
 

Sprache (Ton)
Deutsch
Laufzeit
58min 35s
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Erstellt: 02.04.2024 - 18:38  |  Geändert: 03.06.2026 - 12:37

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exit! ist eine Zeitschrift für kritische Gesellschaftstheorie. Gesellschaftliche Entwicklungen analysiert sie auf der Grundlage der Kritik der Wert-Abspaltung als einer Weiterentwicklung der kritischen Theorie. Wesentliche Bezugspunkte sind dabei die Kritik der politischen Ökonomie ebenso wie die Auseinandersetzung mit psychosozialen Phänomen vor dem Hintergrund der Psychoanalyse.