Wie viele Platonow-Helden hat auch Firs, der makedonische Offizier, nicht aufgehört, über das Leben zu staunen. Er ist ein Suchender, der die Schrecken der Existenz am eigenen Leibe erfährt und seine untergründige Traurigkeit nicht los wird. Im geheimen Auftrag Alexanders des Großen lebt er seit einigen Jahren in einem fernen asiatischen Reich. Es erstreckt sich in einem gewaltigen blauen Tal, eingeschlossen von einem »Himmelsgebirge«, dessen Wände »undurchdringlich sind für den Wind und für die Freiheit«. Statt das Bewässerungsprojekt für den dortigen Despoten durchzuführen, bereitet er einen Aufstand gegen ihn vor.
Der Schriftsteller Andrej Platonov & seine ökologische Utopie - Ein Vortrag von Michael Leetz
auf YouTube (11.08.2019) 1:27:52
"Wie kaum ein anderer Schriftsteller erfasste Andrej Platonov (1899–1951) in seinem Werk die Widersprüche des ersten sozialistischen Staates, der Sowjetunion. Die Kritik war so tiefgehend, dass die meisten seiner Bücher erst während der Perestroika oder nach dem Ende der Sowjetunion erscheinen konnten.
Nahezu unbekannt ist, dass Platonov ein ökologischer Prophet war. Anfang der 1920er Jahre nahm er als Ingenieur für Bewässerung und Elektrifizierung am Aufbau des Landes teil und setzte sich schon damals für die Nutzung der Sonnenenergie ein. Er war davon überzeugt, dass man in der jungen Sowjetunion eine neue Wirtschaft errichten muss, die die natürlichen Ressourcen schont. Eine ökologische Katastrophe, so Platonov, lasse sich nur verhindern, wenn fossile Brennstoffe durch regenerative Energien ersetzt werden und der Mensch ein neues Bewusstsein erlangt.
Der Schriftsteller hat die gewaltigen ökologischen Probleme, vor denen wir im 21. Jhd. stehen, vorhergesehen & erstaunlich aktuelle Ansätze zu ihrer Überwindung aufgezeigt. Platonovs hochaktuelles ökologisches Denken durchzieht sein gesamtes literarisches Werk. Die Utopie vom Aufbau einer neuen Gesellschaft fällt beim Sozialisten Platonov mit der ökologischen Utopie zusammen.
(...) Leetz unternimmt den Versuch, diesen bisher kaum erschlossenen Aspekt im Schaffen des Schriftstellers zu erhellen. Im Mittelpunkt steht der Schlüsseltext "Über die erste sozialistische Tragödie". Er ist Platonovs Warnung: vor der Zerstörung von Mensch & Natur durch die Stalinsche Industrialisierung in seiner Gegenwart, & vor einer globalen ökologischen Katastrophe in der Zukunft."
Platonovs Werke sind keine reinen Anti-Utopien oder Dystopien. Sie stellen die "Tragödie des ersten sozialistischen Staates" dar, die jedoch auf seinem tief verwurzelten Ideal vom Sozialismus & einer kommunistischen Utopie basiert. Der Vortrag argumentiert, dass Platonov den "tragischen Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideal" gestaltet. Seine Utopie, die sich in jungen Jahren herausbildete & mit konkreten Vorstellungen vom Aufbau einer neuen Gesellschaft verbunden war, blieb erstaunlich konsequent bis zum Ende seines Lebens bestehen.
Platonov hat bereits in den frühen 1920er Jahren die Notwendigkeit der Nutzung erneuerbarer Energien, insbesondere der Sonnenenergie, erkannt. Er war überzeugt, dass eine künftige ökologische Katastrophe nur verhindert werden könne, wenn fossile Brennstoffe ersetzt & der Mensch ein neues Bewusstsein erlangt. Die Dürrekatastrophe von 1921 prägte ihn tief & führte dazu, dass er sich als Ingenieur dem Kampf gegen die Wüste widmete. Seine Artikel wie "Der Mensch & die Wüste" oder "Licht & Sozialismus" belegen seine visionären Gedanken zur Schonung natürlicher Ressourcen & zur globalen Energiewende. Die Wüste wird dabei nicht nur als Naturphänomen, sondern als Resultat menschlichen "unvernünftigen Wirtschaftens" verstanden.
Der Vortrag betont die organische Verbindung von Platonovs literarischem Schaffen & seiner Tätigkeit als Ingenieur. Sein Vater, ein technisch begabter Schlosser, prägte ihn hierin. Platonovs praktische Arbeit als Meliorator & Leiter der Elektrifizierung in der Landwirtschaft floss direkt in seine Literatur ein. Werke wie "Schewingur" (mit der Erfindung der Solarzelle) oder die fiktive Reportage "Der erste Ivan" (mit der Umwandlung von Wüste in fruchtbares Land) sind Beispiele dafür, wie er seine technischen Visionen & ökologischen Ideale literarisch verarbeitete. Selbst sein Scheitern als Meliorator aufgrund bürokratischer Strukturen wurde zur Grundlage seines weiteren literarischen Schaffens.
Der Essay "Über die erste sozialistische Tragödie" wird als Schlüsseltext für Platonovs Werk & das gesamte 20. Jhd. hervorgehoben: Der Mensch besitzt die technischen Möglichkeiten zur Ausbeutung der Natur, aber nicht die "seelische Reife", um verantwortungsvoll damit umzugehen. Der Satz "Doch der Mensch ändert sich langsamer, als er die Welt verändert. Genau darin besteht das Zentrum der Tragödie" fasst dies zusammen. Platonovs Forderung nach "schöpferischen Ingenieuren der menschlichen Seelen" ist eine Polemik gegen Stalins Verständnis von Schriftstellern als bloße Sprachrohre & eine Forderung nach der Herausbildung einer "ureigenen, nicht fremdbestimmten Seele", um eine ökologische Katastrophe zu verhindern. Der Sozialismus wird als "Tragödie der angespannten Seele" gedeutet, die ihre "eigene Verkrüppelung überwindet", um die Zukunft zu schützen.
Der Vortrag schildert Platonovs wiederholte Konflikte mit der sowjetischen Bürokratie und Zensur. Sein Scheitern als Meliorator aufgrund des Bürokratismus und die Verurteilung seiner Werke wie "Zu Nutz & Frommen" (durch Stalin persönlich) und "Schewingur" als "konterrevolutionär" oder "Kolakken-Chronik" führten zu seiner Isolation & einem Publikationsverbot. Trotzdem blieb er seinen Idealen treu, was seine "erstaunliche Konsequenz" unterstreicht.
Zum Anhören auch hier.