"War alles Descartes‘ Schuld? – Einige Betrachtungen zum Verhältnis von Narzissmus und Warenfetischismus
Der Narzissmus gehört zum postmodernen, neoliberalen Kapitalismus wie die klassische Neurose zum Kapitalismus der Aufstiegsphase: diese Ansicht ist mittlerweile recht verbreitet. Aber meistens wird „Narzissmus“ nur als übertriebenes Selbstwertgefühl verstanden. Eine weitergehende, sich z. T. auf Christopher Lasch stützende Interpretation sieht darin eine Regression auf archaische, frühkindliche Stadien.
Lasch selbst bringt diese Regression in Zusammenhang mit dem postfordistischen, konsumorientierten Kapitalismus, so wie auch neuere Autoren (Götz Eisenberg, Neo-Lacanianer in Frankreich). Das reicht aber nicht. Der Narzissmus, im Sinne der Abwesenheit echter Objektbeziehungen, ist eng mit der abstraktifizierenden Wertlogik verknüpft, die von jedem Inhalt absieht . Dieser Zusammenhang besteht bereits seit Descartes‘ „Cogito ergo sum“ und seiner „Weltlosigkeit“, aber zeigt sich erst heute in seinem ganzen Destruktionspotential."
„Der Fetischcharakter der Ware ist nicht bloß Schleier
sondern Imperativ.“ (Theodor W. Adorno, Drei Studien zu Hegel)
Die Synthese aus Wertkritik und Psychoanalyse enthüllt, dass die Krisen der Gegenwart – ökonomische, ökologische, soziale, psychische – nicht isolierte Phänomene sind, sondern Ausdruck einer fundamentalen, in sich widersprüchlichen Gesamtlogik, die sowohl die objektive Struktur unserer Gesellschaft (Wertform) als auch die subjektive Verfasstheit der Individuen (Narzissmus) durchdringt. Die Konsequenzen sind gravierend:
1. Totalität der Entfremdung:
Die Parallele zwischen Wertabstraktion und narzisstischer Abstraktion zeigt eine Entfremdung, die tiefer geht als nur die Entfremdung von der Arbeit oder den Produkten. Es ist eine Entfremdung von der konkreten Welt als solcher – von der Natur, von anderen Menschen, ja sogar vom eigenen Körper und der eigenen Bedürftigkeit, die als Störung der narzisstischen Autarkie oder der abstrakten Wertakkumulation empfunden wird.
2. Selbstzerstörerische Dynamik:
Sowohl die Logik des Werts (der seine eigenen materiellen Grundlagen zerstört) als auch die des Narzissmus (der durch die Abwehr der Abhängigkeit und die Unfähigkeit zu echten Objektbeziehungen innerlich verödet und destruktiv wird) sind inhärent selbstzerstörerisch. Die Gesellschaft des Werts und des Narzissmus sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt.
3. Erosion von Widerstandspotenzial:
Die Verschiebung von äußerer, ödipaler Autorität zu internalisierten, archaischen Über-Ich-Anforderungen, die als Selbstverwirklichung oder Sachzwang erscheinen, macht Widerstand extrem schwierig. Kritik wird oft als Angriff auf das (vermeintliche) Eigeninteresse oder als irrational abgetan. Die narzisstische Unfähigkeit zur Empathie und Solidarität untergräbt zudem kollektives Handeln.
4. Krise als Form:
Die Krise ist nicht nur ein Betriebsunfall, sondern die logische Konsequenz einer Form, die an ihre innere und äußere Grenze stößt. Die "reine" Entfaltung der Wertlogik und ihres narzisstischen Korrelats ist nicht ihr Triumph, sondern ihr Übergang in den offenen Zerfall und die Barbarisierung.
5. Notwendigkeit einer fundamentalen Transformation:
Eine Lösung kann nicht in oberflächlichen Korrekturen liegen (etwas mehr Regulierung, etwas mehr Therapie). Sie erfordert eine Überwindung der zugrundeliegenden Form – der abstrakten Herrschaft des Werts und der narzisstischen Abwehr der menschlichen Bedingtheit (Abhängigkeit, Bedürftigkeit, Getrenntheit). Dies impliziert die Notwendigkeit, neue Formen des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur und neue Formen nicht-instrumenteller, empathischer Beziehungen zwischen Menschen zu entwickeln, die das Konkrete, Qualitative und die gegenseitige Abhängigkeit anerkennen und wertschätzen. Es geht um die Wiederaneignung der Sinnlichkeit und der Fähigkeit zur echten Objektbeziehung jenseits von abstrakter Verwertung und narzisstischer Projektion.
Jappes Analyse ist somit ein dringender Appell, die Tiefe der Krise zu erkennen und nach Wegen zu suchen, die sowohl die äußeren Strukturen als auch die inneren Verheerungen dieser Zivilisationsform adressieren.