Rosa-Luxemburg-Stiftung (Medienpräsenz)

1:02:37

Warum erscheint Natur in modernen Gesellschaften häufig als etwas, das dem Menschen gegenübersteht?

In „Kapitalismus im Lebensnetz“ (2015) entwickelt Jason W. Moore eine grundlegende Kritik an der herkömmlichen Trennung zwischen Natur und Mensch/Gesellschaft. Dieser Dualismus, so Moore, verleitet uns dazu, Natur als etwas Externes zu begreifen: als passive Materie und Ressource, die es für ökonomische Zwecke zu klassifizieren, zu verwerten und – wenn es sein muss – auch zu zerstören gilt.

Doch der Mensch und die Gesellschaft sind der Natur nicht äußerlich, sondern immanenter Teil von ihr. Vor diesem Hintergrund muss auch die Geschichte des Kapitalismus als untrennbar von der Geschichte der Natur begriffen und analysiert werden. Der Kapitalismus, so seine These, operiert schließlich nicht jenseits von Natur, sondern ist selbst eine Weise, (menschliche und nichtmenschliche) Natur zu organisieren.

Die Entstehung des Kapitalismus verortet Moore daher nicht primär in Fabriken oder Märkten, sondern in historischen Prozessen der Erschließung sogenannter „billiger Natur“: Arbeitskraft (und ihrer Reproduktion), Nahrung, Energie und Rohstoffe. Die Logik kapitalistischer Akkumulation habe zu den ökologischen Umwälzungen geführt, die heute in der Klimakatastrophe sichtbar werden.

Wer trägt also die Verantwortung für die ökologische Katastrophe: die Menschheit als Ganze oder eine spezifische Form gesellschaftlicher Organisation?

Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge der Forstwissenschaftler Oliver Pye.

In seinem neuen Buch zieht Kohei Saito eine ernüchternde Bilanz unserer Gegenwart: Zentrale ökologische Grundlagen unseres Wohlstands sind bereits zerstört, während autoritäre Kräfte und Kriege weltweit zunehmen. Gleichzeitig stagniert das Wirtschaftswachstum im globalen Norden – ein Zeichen dafür, dass der Kapitalismus an seine Grenzen stößt, zunehmend geprägt von der Macht globaler Techno-Oligarchien.

Ist die Krise eine Chance? Saito widerspricht entschieden. Statt eines Aufbruchs erwartet uns eine Ära chronischer Notlagen: Knappheit, gesellschaftliche Destabilisierung und Naturkatastrophen werden unsere Zukunft prägen – nicht Überfluss, Beschleunigung oder Emanzipation. Vor diesem Hintergrund plädiert Saito dafür, das Ende des Fortschrittsnarrativs anzuerkennen und eine neu gedachte, demokratische Planwirtschaft zu entwickeln, um verbleibende Freiheiten zu sichern.

Die Veranstaltung bietet die Gelegenheit, diese Diagnose zu diskutieren und gemeinsam über Perspektiven jenseits des Katastrophen-Kapitalismus nachzudenken.
Kohei Saito spricht mit der Klimaaktivistin Carla Reemtsma über die politischen Konsequenzen seiner Analyse sowie über aktuelle Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten im Kampf für Klimagerechtigkeit.

Zum Autor:

Dr. Kohei Saito (*1987) ist Associate Professor für Philosophie an der Universität Tokio. Er promovierte 2016 an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Mitherausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe. 2018 wurde er mit dem renommierten Isaac-Deutscher-Preis ausgezeichnet, 2020 erhielt er den JSPS-Preis der Japanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften für herausragende junge Forschende. Sein Buch "Systemsturz" wurde ein internationaler Bestseller und verkaufte sich allein in Japan über eine halbe Million Mal.

Zur Gesprächspartnerin: 

Carla Reemtsma ist Klimaaktivistin und Mitbegründerin von Fridays for Future Deutschland. Sie engagiert sich seit Jahren für Klimagerechtigkeit und bringt eine zentrale Stimme der jungen Klimabewegung in die Diskussion ein.

1:15:07

Angesichts der polarisierenden Debatten über Zionismus, Palästina und Israel, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 weltweit und nicht zuletzt auch im deutschen Sprachraum geführt, kommt einem Buch über frühe jüdisch-arabische Verständigungsversuche nicht nur historische Bedeutung zu, sondern regt auch an, sich umfassender mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Historikerin Anja Siegemund widmet ihr umfangreiches Werk vor allem dem zentraleuropäischen Zionismus und dessen namhaftesten Protagonisten, u. a. Robert Weltsch, Martin Buber, Georg Landauer, Hugo Bergmann, Gerschom Scholem und Gerda Luft. Sie analysiert die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen, vor denen diese im Zeitraum zwischen Fin de Siècle und Gründung des Staates Israel 1948 standen. Ihre Visionen und ihr politisches Engagement, aber auch Kontroversen, Ambivalenzen und Unsicherheiten angesichts der Konflikteskalation in Palästina und der Katastrophe des europäischen Judentums werden umfassend dargestellt.

Was bedeutete für die aus Zentraleuropa nach Palästina eingewanderten jüdischen Intellektuellen „jüdisch-arabische Verständigung“, welche Möglichkeiten sahen sie dafür und wie stellten sie sich künftige jüdisch-arabische Beziehungen vor? Welche Rolle spielten Organisationen wie Brit Schalom (Friedensbund) oder Ichud (Einheit)? Aufgezeigt werden Debatten, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben – über die politische Verfasstheit des Landes, Bevölkerungsmehrheiten, die Verteilung von Boden und Arbeit sowie die Frage, wem das Land „gehört“. Thematisiert werden auch die damaligen Selbstverständnisse der Menschen, ihre Suche nach Zugehörigkeit, ihr Ringen um eine Verbindung von Separatismus und Universalismus sowie ihre Zukunftsvisionen.

Das Buch folgt der Einsicht, dass es nicht DEN Zionismus gab und gibt, sondern viele unterschiedliche Zionismen entstanden. In der Diskussion mit der Autorin werden historische wie aktuelle Ansätze für jüdisch-arabische bzw. israelisch-palästinensische Verständigung hinterfragt und Hintergründe für deren Scheitern bzw. Erfordernisse für die Bewältigung aktueller wie künftiger Herausforderungen analysiert.

Es diskutieren:

Dr. Anja Siegemund ist Historikerin; sie leitete von 2009 bis 2015 das Leo Baeck Institut Jerusalem und ist seit September 2015 Direktorin der Stiftung Neue Synagoge Berlin Centrum Judaicum.

Moderation: Dr. Angelika Timm, Nahostwissenschaftlerin und von 2008 bis 2015 Leiterin des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung

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53:52

Überschattet vom Krieg gegen den Iran durchlebt Kuba die schwerste Krise seit Jahrzehnten. Immer wieder fällt stundenlang der Strom aus, es mangelt an Treibstoff, Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs. Der Grund für diese Krise ist das Embargo der USA.

Obwohl die UN-Generalversammlung die Blockade immer wieder verurteilt hat, erhöhen die USA seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus den Druck. Folgt auf die Intervention in Venezuela ein weiterer US-Angriff? Wie groß ist der Rückhalt der Bevölkerung für die kubanische Regierung? Und wie reformfähig ist der kubanische Sozialismus?

In dieser Folge spricht Felix Jaitner mit Raúl Zelik über die Entwicklungen in Kuba. Raúl ist Politikwissenschaftler, freier Autor und Übersetzer. Er arbeitet seit den 1980er Jahren in Lateinamerika, war Professor für internationale und vergleichende Politik an der Nationaluniversität Kolumbiens und schreibt heute für die genossenschaftliche Berliner Tageszeitung ND.

Zeitmarken

00:00:00 Intro 
00:02:24 Gesprächsbeginn: Welchen außenpolitischen Kontext hat die Krise auf Kuba? Welche Rolle spielen USA und Weltgemeinschaft? 
00:16:18 Wie ist die innenpolitische Entwicklung in Kuba? Im Umgang mit der Krise, aber auch der Rückhalt des politischen Systems? 
00:34:30 Wo müsste mehr Emanzipation im kubanischen System passieren, um aus der Krise zu kommen? Oder wird eher ein "chinesischer Weg" beschritten werden? 0:44:35 Wie eigentlich umgehen mit Kuba als europäische:r Linke:r?

1:31:08

Identitäre Schlägertrupps, ein Staatsstreich von unerwarteter Seite und eine junge Frau, die mit ihrem bisherigen Leben brechen wird – Jérôme Leroys neuer Kriminalroman wirft einen scharfen Blick auf Frankreich, den Aufstieg des neuen Faschismus und beschreibt mit beißender Ironie die Krise der Republik.

Eine Kleinstadt am Atlantik, an der Grenze zu Belgien. Hier wächst die „kleine Faschistin“, wie Francesca zu Hause liebevoll genannt wird, zwischen Schießstand und rechtsintellektuellen Klassikern auf. Das hält sie jedoch nicht davon ab, ihrer Kindheitsliebe Jugurtha die Treue zu halten, dem Sohn eines kabylischen Kommunisten – bis dieser mit vierzehn ermordet am Strand gefunden wird. Von nun an gibt es für Francesca nur noch ihren großen Bruder Nils, ihr Idol, dem sie begeistert in den identitären Schlägertrupp der „Löwen von Flandern“ folgt. Doch auch Nils wird bald nicht mehr am Leben sein.

Als Francesca zwanzig ist, steht Frankreich vor dem Zerfall: „Der Verrückte“ im Élysée löst immer wieder die Nationalversammlung auf, der Patriotische Block rückt der Regierungsübernahme näher, die Technokraten an der Macht werden der Gewalt im Land nicht Herr.

In seinen Kriminalromanen reflektiert Jérôme Leroy die Krise der Republik, die Segregation der Städte und den Verlust von Hoffnung in der Gesellschaft. Er zeichnet den Aufstieg der extremen Rechten, rassistische Polizeigewalt und die schleichende Übernahme der Macht der neuen Rechten nach. Ein Roman-Noir, über den es sich zu sprechen lohnt.

Jérôme Leroy (*1964) ist Autor, Literaturkritiker und Herausgeber. Sein Kriminalroman »Der Block« wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2018 ausgezeichnet Jérôme Leroy lebt in Lille.

Lesung: Eva Maria Sommersberg, Moderation: Lea Fauth, Journalistin

1:07:27

„Das Völkerrecht ist tot, jetzt gilt wieder das Recht des Stärkeren.“ So lautet die Meinung der einen, die auf die Völkerrechtsbrüche der vergangenen Jahre verweisen: in Gaza, in Venezuela, in der Ukraine, im Sudan und aktuell im Iran. Andere wiederum weisen darauf hin, dass das Völkerrecht nie wirklich galt. Schon immer hätten sich die Stärkeren das Recht herausgenommen, das Völkerrecht zu missachten, und sie verweisen auf die letzten Jahrzehnte, die von unzähligen völkerrechtswidrigen Angriffskriegen, etwa durch die USA und ihre Alliierten, geprägt waren. Sie fragen: Was bringt das Völkerrecht, wenn es kaum umgesetzt wird und Staaten nur dann darauf pochen, wenn es in ihrem Interesse ist? Unser Gast Wolfgang Kaleck argumentiert: Das Völkerrecht war nie perfekt. Schon immer war seine Umsetzung von Doppelstandards durchzogen. Und trotzdem war es immer schon ein wichtiges Mittel im Kampf der Unterdrückten für Gerechtigkeit. Eines von vielen. Und daran sollten sich Linke und progressive Kräfte erinnern. In dieser Folge von „Weltunordnung“ spricht die Journalistin Pauline Jäckels mit Wolfgang Kaleck. Er ist einer der profiliertesten Menschenrechtsanwälte Deutschlands. Als Gründer und Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) setzt er sich seit Jahren weltweit für die juristische Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen ein. Als Anwalt vertritt Kaleck unter anderem den Whistleblower Edward Snowden und die Familie von Patrice Lumumba. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Die konkrete Utopie der Menschenrechte” (2021). Jüngst ist im Kunstmann-Verlag sein neues Buch „Die Stärke des Rechts vs. Das Recht des Stärkeren” erschienen. Pauline Jäckels diskutiert mit Wolfgang Kaleck, warum so viele Menschen plötzlich glauben, dass sich das Völkerrecht in einer beispiellosen Krise befindet. Sie sprechen darüber, wie und unter welchen Umständen das Völkerrecht entstanden ist und inwiefern es Mittel der Mächtigen und Mittel der Unterdrückten ist. Und schließlich darüber, ob eine Durchsetzung des Völkerrechts überhaupt möglich ist, ohne dass sich die globalen Machtverhältnisse ändern, die Völkerrechtsbrüche ermöglichen und bedingen.

00:00:00 Intro 
00:03:44 Gesprächsbeginn: Wie und warum ist das Völkerrecht entstanden? 
00:18:08 Zeigt der Palästina-Konflikt die Grenzen des Völkerrechts auf? 
00:26:56 Mit welcher Stratege kann man nun vorgehen in Zeiten des globalen Wandels und des Kapitalismus? 
00:36:48 Wie ließe sich die Interessenlage von Staaten so verändern, dass kein Interesse mehr an Menschenrechtsverletzung und Ausbeutung besteht? 00:44:15 Kann man mit Allianzen Menschen überzeugen von nachhaltigerem Handeln auch gegen den kurzfristigen Vorteil? 
00:55:51 Lenkt der Fokus auf das Völkerrecht nicht auch ab von grundlegenden Problemen? 
01:01:38 Was tun gegen Zynismus? Wie vermittelt man Menschen das Gefühl: es ist nicht alles Alternativlos, ein Kampf lohnt sich?

57:20

bell hooks ist im Dezember 2021 verstorben, sie wäre am 25. September 2022 siebzig Jahre alt geworden. Ihre Schriften und ihr Engagement haben sie zu einer der wichtigen Vertreter*innen des Kampfes gegen weißen, patriarchalen, die Natur zerstörenden Kapitalismus gemacht. 
Mit ihrem Buch «Die Bedeutung von Klasse» will sie den Aspekt des Klassismus und der Klassenherrschaft neben den anderen Systemen der Macht zur Geltung bringen und für einen demokratischen Sozialismus plädieren, der sie überwindet. Mit vielen autobiographischen Hinweisen legt sie die Verschränkung jener Machtpraktiken in der Familie, in den Nachbarschaften, den Hochschulen, auf dem Wohnungsmarkt dar.

Sie wendet sich gegen die Alltagsideologie, die wie selbstverständlich die Erfahrungen von Ungleichheit, Armut, Gewalt und Ausbeutung mit Rassismus erklärt. hooks argumentiert, dass es notwendig ist, der «Klasse» wieder Bedeutung zu geben. Sie zeigt, wie die Erfahrung von Klasse zum Verschwinden gebracht und von Musik, Film, Fernsehen die Ideologie verbreitet wird, über den Konsum, über teure Luxuskleidung und schicke Autos sei der Aufstieg zu erreichen. Sie mahnt, dass die Gier nach dem schnellen Geld zu einer falschen Alltagsorganisation, zu einem Leben auf Pump, zu Drogenkriminalität beiträgt. Die Erklärungen, die Rassismus ins Zentrum stellen, erweisen sich als zu schlicht: Es gibt eine schwarze Bourgeoisie, deren Herausbildung seit den 1970er Jahren dazu beiträgt, den Kommunalismus, die solidarische Kultur des Teilens, zu zerstören. Die Armut wird mit den schwarzen Leuten assoziiert, verkannt wird die verbreitete und gefährliche Armut der Weißen, die von den Mächtigen instrumentalisiert werden kann.

Sie plädiert für gemeinsame Kämpfe der schwarzen, weißen, migrantischen Armen, der Männer und Frauen. Wenn sie ausführlich über ihre Erfahrungen auf dem Wohnungsmarkt berichtet, dann betont sie aber auch, dass «Klasse» ebenso wie «Race» einen schnellen Funktionswandel erfahren können. Plötzlich erklären die weißen Immobilienmarkler*innen die Schwierigkeit für sie als schwarze Frau, eine Wohnung oder ein Haus zu finden, mit «Klasse», sie sei einfach nicht wohlhabend genug, könne sich die teuren Immobilien nicht leisten. Die Klassengesellschaft kann ohne die Begriffe des Patriarchalismus und Rassismus nicht verstanden werden.

1:06:28

Die aktuellen geopolitischen Entwicklungen verweisen auf eine tiefgreifende Neuordnung des internationalen Systems. Der US-Angriff auf Venezuela steht exemplarisch für eine veränderte imperiale Praxis: Gewalt wird zunehmend offen eingesetzt, ohne menschenrechtliche Legitimation. Bestehende Machtverhältnisse treten damit unverhüllt zutage. Das Panel nimmt diesen Angriff zum Anlass, grundlegende Fragen zur Transformation der Weltordnung zu diskutieren: Welche Bedeutung haben Völkerrecht und multilaterale Institutionen unter Bedingungen offener Machtpolitik noch? Entsteht eine neue multipolare Ordnung – oder verschärfen sich lediglich bestehende imperiale Strukturen? Welche Spielräume bleiben Staaten des Globalen Südens?

Im Mittelpunkt stehen zudem linke Perspektiven: Welche Aufgaben, Strategien und Formen transnationaler Solidarität sind in Zeiten imperialer Konkurrenz und kriegerischer Eskalation möglich? Die Veranstaltung soll Orientierung in einer Phase globaler Umbrüche geben.

1:59:48

In Zeiten wachsender sozialer Ungleichheit, ökologischer Krisen und politischer Unsicherheiten erlebt die kritische Gesellschaftsanalyse nach Marx eine neue Aktualität. Doch was bedeutet Marxismus heute? Welche Antworten kann er auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geben? Welche Begriffe müssen heute hinterfragt oder neu interpretiert werden? Wie kann sich der Marxismus als lebendige Denktradition weiterentwickeln? Wie kann Marx heute dazu beitragen die Welt nicht nur neu zu interpretieren, sondern auch zu verändern? 

55:15

Bourdieu hat unser Verständnis von Klassenkämpfen enorm erweitert. Er dehnt dieses Verständnis noch bis zu dem Bereich aus, der sehr weit weg von ökonomischen oder politischen Prozessen zu liegen scheint: dem Geschmack. «Über Geschmack lässt sich nicht streiten», heißt es. Geschmack in den individuellen körperlichen Reaktionen wie die Verkörperung von Natur und Freiheit wirken.
Der Geschmack ist eine Klassenpraxis – die Wahl von Kinos, Kunst, Sport, Friseur, Kleidung, Möbel oder Essen folgt Mustern. Bourdieu führt sie auf einen klassenspezifischen Habitus zurück. Dieser wird in den sozialisatorischen Prozessen der Familie und in der Schule erworben. Die Familie vermittelt ein Verhältnis zu den Dingen: zu Räumen, Mobiliar, Kunst, Tischmanieren. Die Schule bestärkt diese Aneignungsformen der Kultur durch die Titel, die sie verleiht. Sie bestätigt mit Bildungstiteln den Individuen, dass sie mit ihren Praktiken über legitime oder eben nicht so legitime Kultur verfügen. Diese Prozesse der Ausbildung des Habitus ist langwierige Arbeit und erfordert Ressourcen – Bourdieu zufolge ökonomisches, kulturelles, soziales Kapital. Darauf gestützt findet ein allseitiger Kampf über das statt, was als legitim Kultur gilt: welche Schulen, welche schulischen Titel, welcher Sport, welche Berufspositionen als «hoch» oder «niedrig» gelten. Es ist ein kontinuierlicher Kampf der Klassen um die Klassifikation. Der Geschmack trägt dazu bei, dass die Individuen von sich aus, bestimmt durch ihre körperlichen Neigungen, genau den Platz einnehmen, der ihnen in der Klassenordnung zukommt: Das Bürgertum erneuert seine Herrschaft durch den Geschmack der Distinktion, der es von Kleinbürgertum abrückt, das immer danach strebt, bürgerlich zu sein, aber nicht über eine ausreichende Menge an den herrschenden Kapitalsorten verfügt, um jemals jenen hochkulturellen Lebensstil zu erreichen. Das Bildungsstreben, so zeigt Bourdieu, das seit den 1960er Jahren eingesetzt hat, betrügt mehrere Generationen des Kleinbürgertums um den Erfolg des versprochenen Aufstiegs. Der herrschenden Klasse ist es gelungen, die Reproduktion ihrer Herrschaft durch die kulturellen Einrichtungen hindurch zu sichern und das Kleinbürgertum auf Trab zu halten, während die Arbeiter*innen sich in die Notwendigkeit der alltäglichen Not fügen.

Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge Franz Schultheis, Seniorprofessor für Soziologie des Kunstfeldes und der Kreativwirtschaft an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und Präsident der Pierre Bourdieu-Gesellschaft. Er hat lange mit Pierre Bourdieu zusammengearbeitet und viele von dessen Schriften auf Deutsch herausgegeben.

Grafik: Porträt des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, @www.zersetzer.com