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Analyse der geopolitischen Lage des Iran und der Kriegsgefahr im Nahen Osten
Quelle Interview Ervand Abrahamian 15.12.2024 Nachdenkseiten

Zusammenfassung

Dieses Briefing-Dokument fasst die zentralen Analysen des Historikers Ervand Abrahamian zur aktuellen geopolitischen Lage des Iran, den historischen Wurzeln seiner Außenpolitik und der drohenden Gefahr eines größeren Krieges im Nahen Osten zusammen. Die Kernaussage Abrahamians ist, dass trotz wiederholter Provokationen durch Israel und einer aggressiven Rhetorik des Westens ein offener Krieg unwahrscheinlich ist. Dies begründet er mit der rationalen und vorsichtigen Natur der iranischen Außenpolitik, die primär auf das Überleben des Regimes ausgerichtet ist.

Die iranische Außenpolitik wird als defensiv und eher als Zeichen der Schwäche denn als expansionistischer Hegemonieanspruch interpretiert. Allianzen mit Gruppen wie der Hisbollah, den Huthis oder dem syrischen Assad-Regime basieren auf der Unterstützung von Minderheiten, die existenziellen Bedrohungen ausgesetzt sind und im Iran Schutz suchen.

Ein tiefes historisches Misstrauen gegenüber dem Westen, das aus der Erfahrung des Semi-Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert und insbesondere aus dem von CIA und MI6 inszenierten Putsch von 1953 resultiert, prägt die iranische Haltung bis heute. Der Putsch untergrub nicht nur eine demokratische Entwicklung, sondern auch säkulare, liberale Ideen und schuf den Nährboden für die Islamische Revolution von 1979.

Wirtschaftssanktionen werden als ineffektiv zur Herbeiführung eines Regimewechsels bewertet. Sie schaden der Zivil

bevölkerung, stärken aber potenziell das Regime, indem sie ihm einen externen Sündenbock für wirtschaftliche Probleme liefern. Militärische Angriffe würden, so die Analyse, den Nationalismus stärken und die Bevölkerung hinter dem Regime vereinen, anstatt es zu destabilisieren.

Die iranische Haltung zu Israel wird differenziert betrachtet: Die offizielle Politik unterscheidet strikt zwischen Judentum als anerkannter Religion und Zionismus als feindlicher politischer Ideologie. Die Rhetorik der "Zerstörung Israels" wird als Propagandainstrument gesehen, während die tatsächliche Politik pragmatischer ist und eine Zweistaatenlösung im Rahmen des saudischen Vorschlags stillschweigend akzeptiert hat. Das größte Hindernis für den Frieden sei demnach die kompromisslose Haltung Israels.

Interview mit Edvand Abrahanian-  Deutsche Übersetzung

Interview mit dem Iran-Historiker Ervand Abrahamian (Deutsch) : Kommt der große Krieg? Nachdenkseiten 16.12.2024

Infografik: Iran verstehen

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Präsentation: Die unmittelbare Kriegsgefahr

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1. Die unmittelbare Kriegsgefahr: Eine Analyse der iranischen Außenpolitik

Professor Abrahamian schätzt die Gefahr eines direkten, umfassenden Krieges zwischen Israel und dem Iran trotz der jüngsten Eskalationen als gering ein. Seine Einschätzung basiert auf einer grundlegenden Analyse des iranischen Regimes, die zwischen dessen Innen- und Außenpolitik unterscheidet.

1.1. Die "Rationelle und Vorsichtige" Außenpolitik des Iran

  • Trennung von Innen- und Außenpolitik: Abrahamian argumentiert, dass die "verabscheuungswürdige" Innenpolitik des Iran nicht zwangsläufig zu einer ebenso irrationalen Außenpolitik führt. Als historisches Analogon führt er Stalins UdSSR an, deren Innenpolitik in den 1930er Jahren "verabscheuungswürdig" war, während ihre Außenpolitik auf kollektive Sicherheit gegen Hitler-Deutschland ausgerichtet war und als "tadellos" bezeichnet wird.
  • Pragmatismus statt Rhetorik: Die Handlungen des iranischen Regimes hinter den Kulissen seien, im Gegensatz zur öffentlichen Rhetorik, von Beginn an "sehr vorsichtig" gewesen. Das primäre Ziel ist das Überleben des Regimes, nicht ideologische Expansion.
  • Verhandlungsbereitschaft: Der Iran hat wiederholt seine Bereitschaft zu Verhandlungen mit dem Westen gezeigt. Das Scheitern von Verhandlungen wird primär dem Westen angelastet, der lange Zeit eine Null-Toleranz-Politik bezüglich des iranischen Atomprogramms verfolgte.

1.2. Israels Provokationen und die Rolle einer potenziellen Trump-Administration

  • Israelische Aktionen: Israel hat zahlreiche verdeckte Operationen, Luftangriffe auf mit dem Iran verbündete Ziele in Syrien und im Irak, gezielte Tötungen iranischer Wissenschaftler und Cyberangriffe durchgeführt. Premierminister Netanjahu porträtiert den Iran als "Krake", dessen Tentakel (Hisbollah, Huthis etc.) die Region destabilisieren.
  • Die Trump-Variable: Eine mögliche zweite Amtszeit von Donald Trump birgt Risiken, da seine Regierung voraussichtlich mit "Iran- und Israel-Falken" besetzt wäre. Es besteht die Sorge, dass Trump Netanjahus Kurs bedingungslos unterstützen könnte.
  • Trumps Eigeninteresse als Bremse: Abrahamian argumentiert jedoch, dass Trumps oberstes Interesse darin besteht, einen Krieg zu vermeiden. Ein größerer Konflikt würde die Ölpreise "in die Höhe schnellen" lassen, was seiner Wahlkampfbasis und seinem Versprechen, die Inflation zu senken, schaden würde. Amerikanische Wähler reagieren äußerst sensibel auf Benzinpreise. Der Iran sei sich dieses Druckmittels bewusst und würde es nutzen.

2. Historischer Kontext: Die Wurzeln des Misstrauens gegenüber dem Westen

Die heutige Haltung des Iran ist ohne das Verständnis seiner modernen Geschichte, die von ausländischer Einmischung geprägt ist, nicht zu begreifen.

2.1. Der Semi-Kolonialismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts

  • Geteilter Einfluss: Der Iran war zwar keine formale Kolonie, aber ein "semi-kolonialer Staat", dessen Politik im Norden von Russland und im Süden von Großbritannien (vom Stützpunkt in Indien aus) dominiert wurde. Dies führte zu einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber den "Nachbarn".
  • Hungersnöte durch Besatzung: Eine weithin unbekannte Folge dieser Einmischung waren schwere Hungersnöte während des Ersten und Zweiten Weltkriegs, die direkt durch die Besetzung durch ausländische Mächte (Briten, Russen, Osmanen, Deutsche) verursacht wurden.
  • Veränderte Machtverhältnisse: Abrahamian betont, dass sich die Situation seit 1953 drastisch geändert hat. Vor dem Putsch hatten ausländische Mächte erheblichen direkten Einfluss im Land, indem sie z.B. Stämme bewaffneten. Heute haben die USA diesen internen Einfluss nicht mehr, was die Angst vor einem weiteren Putsch nach 1979 zu einer "Paranoia" machte, die auf der Geschichte und nicht auf der damaligen Realität beruhte.

2.2. Der Putsch von 1953: Eine historische Wende

  • Die Untergrabung des Liberalismus: Der von der CIA und dem britischen MI6 organisierte Putsch gegen den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh war ein Wendepunkt. Mossadegh wird als "prinzipientreuer Liberaler" beschrieben, der den Ideen der Aufklärung und der Konstitutionellen Revolution von 1906 (individuelle Rechte, Rechtsstaatlichkeit) anhing.
  • Langfristige Folgen: Der Putsch brachte nicht nur den Schah zurück an die Macht, sondern diskreditierte und untergrub die liberalen und konstitutionellen Ideen selbst. Dies schuf ein ideologisches Vakuum.
  • Wegbereiter der Islamischen Revolution: Die Reaktion auf den Putsch richtete sich nicht nur gegen den Schah, sondern gegen westliche Ideen insgesamt. In den 1960er Jahren entstand die Bewegung der "Verwestlichung" (Gharbzadegi – "die Seuche aus dem Westen"), die alles Westliche, einschließlich der Konzepte von Freiheit und Gleichheit, ablehnte. Dies ebnete den Weg für einen neuen "islamischen Nationalismus", der bei der Revolution 1979 dominierte und die Idee vertrat, "der Islam hat die Lösung".

2.3. Der Iran-Irak-Krieg (1980–1988)

  • Konsolidierung der Revolution: Saddam Husseins Invasion half zunächst, die noch junge und intern zerstrittene Islamische Republik zu festigen. Der Angriff eines ausländischen Feindes einte die Nation hinter der Regierung.
  • Khomeinis "großer Fehler": Ein entscheidender Fehler war die Entscheidung Khomeinis, den Krieg fortzusetzen, nachdem Saddam Hussein einen Rückzug auf die Vorkriegsgrenzen angeboten hatte. Diese Entscheidung, getragen von den Revolutionsgarden und Slogans wie "Krieg bis zum Sieg" und "Der Weg nach Jerusalem führt durch Bagdad", war für den Großteil der Todesopfer verantwortlich und verlängerte den Krieg um Jahre.
  • Bleibendes Trauma: Der Krieg hinterließ ein tiefes Trauma in der iranischen Gesellschaft und eine starke Abneigung gegen einen weiteren großen Krieg.

3. Die Atomfrage: Zwischen Diplomatie und Eskalation

Die Atomfrage ist ein zentraler Konfliktpunkt, dessen Dynamik sich über die Jahre verändert hat.

  • Der Wandel in der US-Politik: Jahrelang scheiterten Verhandlungen, weil die USA darauf bestanden, dass der Iran sein Atomprogramm vollständig aufgibt. Erst als die Obama-Administration die Position änderte und dem Iran ein ziviles Atomprogramm zugestand, solange es nachweislich keine Waffen entwickelte, wurde das Atomabkommen (JCPOA) von 2015 möglich.
  • Ein "perfekt gutes Abkommen": Abrahamian bezeichnet das JCPOA als ein "perfekt gutes Abkommen", das von Präsident Trump "zerrissen und die Toilette hinuntergespült" wurde.
  • Iranische Absichten: Abrahamian argumentiert, dass der Iran zum Zeitpunkt des Abkommens nicht die Absicht hatte, eine Bombe zu bauen. Das Abkommen war für den Iran ein "Sieg", da er nichts aufgab, was er tatsächlich vorhatte.
  • Risiko der Proliferation: Die aktuelle Situation ist gefährlich, da es kein Abkommen mehr gibt. Abrahamian hält es für möglich, dass der Iran in der Vergangenheit – insbesondere in den letzten Jahren Saddam Husseins – ein Atomwaffenprogramm als Abschreckung verfolgte. Angesichts der wachsenden Bedrohung durch Israel und die USA könnten die Hardliner nun argumentieren, dass der Bau einer Bombe der einzig verbleibende Weg zur Selbstverteidigung ist. Dies wäre jedoch ein "letztes Mittel".

4. Irans regionale Rolle: Hegemonie oder Schwäche?

Der im Westen verbreitete Vorwurf des iranischen "Hegemonialstrebens" wird von Abrahamian als Fiktion zurückgewiesen.

  • Zeichen der Schwäche: Irans Abhängigkeit von regionalen Stellvertretern sei ein Zeichen von Schwäche, nicht von Stärke. Der Iran stützt sich auf Minderheiten, die in ihren eigenen Ländern existenziell bedroht sind und im Iran Schutz und Hilfe suchen.
  • Beispiel Syrien: Der Iran unterstützt Baschar al-Assad nicht aus ideologischen Gründen (Assad ist ein baathistischer Nationalist), sondern weil seine Machtbasis, die Alawiten, von einer "realen existenziellen Auslöschung" durch sunnitisch-fundamentalistische Oppositionsgruppen bedroht ist.
  • Begrenzter Einfluss: Der Iran hat keine absolute Kontrolle über seine Verbündeten. Als Beispiel wird angeführt, dass die Huthis den iranischen Rat, die jemenitische Hauptstadt nicht zu erobern, ignorierten. Es wird zudem als "sehr unwahrscheinlich" angesehen, dass die Hamas den Iran bezüglich der Angriffe vom 7. Oktober konsultiert hat.

5. Interne Dynamiken und die Wirkung von äußerem Druck

Die innenpolitische Lage im Iran ist von einer starken Opposition gegen das Regime geprägt, die jedoch durch äußeren Druck konterkariert wird.

  • Ineffektivität von Sanktionen: Die Strategie des "maximalen Drucks" wird nicht zum Zusammenbruch des Regimes führen, da der Iran durch den Handel mit China überleben kann. Die Sanktionen schaden vor allem der einfachen Bevölkerung und geben dem Regime die Möglichkeit, die Schuld für wirtschaftliche Probleme auf externe Akteure zu schieben.
  • Nationalismus als einigende Kraft: Viele Iraner, insbesondere junge Menschen, lehnen das Regime ab und wünschen sich Demokratie und Säkularismus. Gleichzeitig sind sie stark nationalistisch eingestellt. Die Erfahrungen in Irak, Libyen und Syrien haben die Angst geschürt, dass eine ausländische Intervention nicht Demokratie, sondern die Zerstörung der Gesellschaft bringt. Ein junger Iraner wird zitiert: "Ich habe zwei Feinde: die verrückten religiösen Fanatiker, die mein Land regieren, und die äußeren Mächte wie die USA, Israel und Saudi-Arabien."
  • Militärschläge wären kontraproduktiv: Ein Bombenangriff auf den Iran würde das Regime nach Abrahamians Einschätzung stärken. Ähnlich wie die Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung hinter der Regierung vereinte, würden externe Angriffe die Iraner dazu veranlassen, sich hinter ihrem Staat zu versammeln.

6. Der Vorwurf des Antisemitismus und die Haltung zu Israel

Die Dämonisierung des Iran stützt sich oft auf den Vorwurf des Antisemitismus und des Ziels, Israel zu vernichten. Abrahamian zeichnet hier ein differenzierteres Bild.

  • Offizielle Doktrin: Anti-Zionismus, nicht Antisemitismus: Die offizielle Linie des Regimes, die auf Khomeini zurückgeht, unterscheidet klar zwischen dem Judentum als legitimer "Religion des Buches" und dem Zionismus als politischer Ideologie, die mit dem Imperialismus verbündet ist.
  • Kulturelles Misstrauen vs. Rassismus: Es existiert ein kulturell-religiöses Misstrauen gegenüber Nicht-Schiiten (einschließlich Juden), das Abrahamian als armenischer Christ selbst erfahren hat. Dies sei jedoch nicht mit dem rassischen Antisemitismus des Nationalsozialismus vergleichbar. Ahmadinedschads Leugnung des Holocausts wird als provokante Aktion eines einzelnen Politikers dargestellt, die im Iran selbst auf Widerspruch stieß.
  • Rhetorik vs. Realpolitik: Die öffentliche Rhetorik ("Tod für Israel") steht im Gegensatz zur pragmatischeren Regierungspolitik. So erklärte bereits Präsident Chatami, dass der Iran eine Zweistaatenlösung akzeptieren würde, wenn die Palästinenser dies täten. Wichtiger noch ist, dass der Iran den saudischen Friedensvorschlag – der im Kern eine Zweistaatenlösung ist – akzeptiert hat. Das reale Hindernis für eine Lösung ist laut Abrahamian die israelische Regierung, die eine solche Lösung kategorisch ablehnt. Die Vorstellung, der Iran wolle eine Atombombe, um Israel zu vernichten, wird als "absurd" bezeichnet.

Literatur zum Thema

2017 , Englisch

Im Jahr 1953 stürzte die CIA Irans parlamentarisch legitimierten Premier Mossadegh. Erst 2017  veröffentlichte das US-Außenministerium Dokumente, die das gesamte Ausmaß der US-Verwicklungen in den Putsch zeigen.
Lange Zeit hat Washington seine Beteiligung an den damaligen Ereignissen verschwiegen, obwohl schon kurz danach zahlreiche Presseberichte eine Verwicklung der CIA vermuteten. Erst fast 65 Jahre später, veröffentlichte das US-Außenministerium einen von Historikern lang erwarteten detaillierten Bericht über die Beteiligung US-amerikanischer Geheimdienste am Putsch gegen Irans damaligen demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh.

2009 , Deutsch

Wo liegen die Wurzeln des islamischen Terrors? Stephen Kinzer schildert in diesem Buch, wie die USA den Schah unterstützen, wie der islamische Fundamentalismus an Boden gewann und Amerika das Feindbild schlechthin wurde. Am Ende war es das Öl. Es gibt und gab viele Gründe für die USA im Iran zu intervenieren: Ein Nuklearprogramm, sozialistische Ansätze, Fundamentalisten, die Feindschaft zu Israel. Am Ende geht es aber um Öl, es ging um Öl 1953 und es geht heute um Öl. 1953 putschte der Schah mithilfe der Amerikaner und Briten gegen den gewählten Premierminister Mossadegh. Es folgten über 20 Jahre brutale Unterdrückungspolitik.

ISBN 978-3-527-50415-2 2009 vergriffen Mehr Infos (Buch) → d-nb.info

Erstellt: 17.01.2026 - 20:49  |  Geändert: 17.01.2026 - 22:05