Christoph Holzhöfer (Medienpräsenz)

2:45

Lied des Speichelleckers

Meine Seele kommt in Aufruhr
Alles in mir revoltiert
Wenn ich einen Menschen sehe
Der mit recht von jedermann gemieden wird.
Er hat es sich selbst zuzuschreiben
Daß er nicht mehr da ist für die Stadt
Soll ich mit ihm auf dem Grußfuß bleiben
Den die Obrigkeit gezeichnet hat?
Nein, das ist mir nicht möglich!
Nein, das ist mir nicht möglich!

Was er immer auch getrieben
Darauf kommt es gar nicht an
Er ist oben nicht gut angeschrieben
Damit ist er für mich abgetan.
Jedes andere Gefühl hat da zu schweigen
Er ist oben unbequem!
Soll ich mich in seiner Nähe zeigen?
Soll man sagen. der sprach auch mit dem?
Nein, das ist mir nicht möglich!
Nein, das ist mir nicht möglich!

Warum hat er sichs verdorben?
Hätt er besser aufgepasst!
Solch ein schlechter Ruf ist schnell erworben
Und dann ist man eben oben dann verhaßt
Nein, wer meinen guten Herrn beleidigt
Wer ihm frech die Stirne bot
Soll man von mir sagen, ich habe den verteidigt?
Soll man von mir sagen, auch ich sei so?
Nein, das ist mir nicht möglich!
Nein, das ist mir nicht möglich!

Bertolt Brecht, 1937

Soldatenlied (verfasst: Oktober 1916)

Wir lernten in der Schlacht zu stehn
bei Sturm, und Höllenglut.
Wir lernten in den Tod zu gehn,
nicht achtend unser Blut.
Und wenn sich einst die Waffe kehrt
auf die, die uns den Kampf gelehrt,
sie werden uns nicht feige sehn.
Ihr Unterricht war gut.

Wir töten, wie man uns befahl,
mit Blei und Dynamit,
für Vaterland und Kapital,
für Kaiser und Profit.
Doch wenn erfüllt die Tage sind,
Dann stehn wir auf für Weib und Kind
und kämpfen, bis durch Dunst und Qual
die lichte Sonne sieht.

Soldaten! Ruft's von Front zu Front:
Es ruhe das Gewehr!
Wer für die Reichen bluten könnt',
kann für die Seinen mehr.
Ihr drüben! Auf zur gleichen Pflicht!
Vergeßt den Freund im Feinde nicht!
In Flammen ruft der Horizont
nach Hause jedes Heer.

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland
und alle Welt ist frei!