Postkoloniale Theorie ist in den letzten Jahren im akademischen Raum zu einem äußerst einflussreichen Ansatz geworden. Diese Denkschule, mit der Entwicklungen im globalen Süden erklärt werden sollen, ist insbesondere für ihre Kritik an universalisierenden Kategorien der Aufklärung bekannt. Genau hier setzt Vivek Chibber am Beispiel der "Subaltern Studies" theoretisch akribisch und historisch gesättigt an und weist analytische Fehlschlüsse und historische Missverständnisse in ihren zentralen Argumentationen nach.
Understanding Capitalism with Vivek Chibber
auf YouTube (12.05.2020) 1:17:39
Was macht das Leben so anstrengend und nervig? Vielleicht hörst du einige deiner Freunde und Familienmitglieder sagen: „Das Problem ist der Kapitalismus“. Aber was ist Kapitalismus eigentlich? Ist es einfach so, wie die Dinge sind? Gibt es bestimmte Regeln dafür? Woran erkennen wir den Kapitalismus, wenn wir ihn sehen? Und wenn es ein bestimmtes System mit bestimmten Regeln ist, wie können wir es dann ändern oder abschaffen?
Heute haben wir Vivek Chibber, Professor für Soziologie an der New York University und Herausgeber von Catalyst, zu Gast, um über den Inhalt seiner ersten Broschüre „ABC des Kapitalismus: Kapitalismus verstehen“ zu sprechen. In diesem Vortrag beantwortet er alle oben genannten Fragen und noch mehr.
What makes life so exhausting and miserable? You might hear some of your friends and family saying "the problem is capitalism". But what is Capitalism? Is it just how things are? Does it have specific rules? How do we know Capitalism when we see it? And if it is a specific system with specific rules, how do we change it or get rid of it?
Today we're joined with professor of sociology at New York University and editor of Catalyst, Vivek Chibber, to discuss the contents of his first ABC's of Capitalism pamphlets: Understanding Capitalism. In this talk he answers all of the questions above and more.
die wesentlichen Punkte des Vortrags:
1. Analyseansätze der Gesellschaft
Chibber unterscheidet drei Sichtweisen auf soziale Ergebnisse (Reichtum vs. Armut):
- Atomistischer/Neoliberaler Ansatz: Erfolg oder Scheitern hängen allein von individuellen Eigenschaften ab (Fleiß, Intelligenz). Institutionen spielen keine Rolle [08:32].
- Progressiv-liberaler Ansatz: Soziale Umstände und Institutionen bestimmen die Chancen des Einzelnen. Es wird jedoch kein notwendiger Konflikt zwischen Reich und Arm gesehen [10:57].
- Sozialistischer Ansatz: Institutionen bringen Menschen in Positionen mit gegensätzlichen Interessen und ungleicher Macht. Reiche verteidigen ihre Privilegien systematisch auf Kosten der Armen [13:52].
2. Die Dynamik des Kapitalismus
Das System basiert auf Produktion für den Markt und Privateigentum. Daraus ergeben sich zwei zentrale Zwänge:
- Wettbewerb: Unternehmen müssen ihre Produkte attraktiv machen [20:25].
- Kostendruck: Um wettbewerbsfähig zu bleiben und Profite zu sichern, müssen Kosten gesenkt werden. Dies führt zwangsläufig dazu, dass Arbeitgeber versuchen, Löhne zu drücken und die Arbeitsleistung (Intensität und Dauer) zu maximieren [21:27].
3. Der systematische Klassenkonflikt
- Interessengegensatz: Was für den Profit des Arbeitgebers gut ist (niedrige Löhne, hohe Arbeitsbelastung), schadet dem Wohlergehen des Arbeitnehmers [26:05].
- Machtungleichgewicht: Arbeitnehmer bleiben oft in schlechten Verhältnissen, da sie auf den Lohn angewiesen sind (Marktabhängigkeit) und Arbeitgeber leichter Personal ersetzen können als Arbeitnehmer ihren Chef [28:22].
- Schlussfolgerung: Kapitalismus produziert systematisch Ungerechtigkeit, da die Position der Herrschenden von der Aufrechterhaltung dieser Verhältnisse abhängt [31:35].
4. Strategie zur Veränderung
- Kollektive Organisation: Da der Markt für die Mehrheit keine Lösung bietet, ist die einzige Möglichkeit zur Verbesserung der Lebensumstände der Zusammenschluss als Klasse (z. B. in Gewerkschaften), um kollektive Macht gegen die Arbeitgeber aufzubauen [32:29].
- Abkehr vom Liberalismus: Soziale Reformen werden nicht durch Appelle an die Moral der Reichen erreicht, sondern durch den politischen Kampf der organisierten Arbeiterklasse [37:23].
5. Markt vs. Kapitalismus
In der anschließenden Fragerunde stellt Chibber klar:
- Märkte gab es schon vor dem Kapitalismus (Tauschhandel), aber erst im Kapitalismus wurde die gesamte wirtschaftliche Existenz von Verkäufen am Markt abhängig (Marktabhängigkeit) [43:50].
- Ein post-kapitalistisches (sozialistisches) System könnte weiterhin Marktelemente nutzen, jedoch ohne den existenzbedrohenden Zwang und die damit verbundene Ausbeutung [44:44].
Das Video ist der erste Teil einer dreiteiligen Reihe über die Grundlagen des Sozialismus und die Strategie der Klassenpolitik.
Erstellt: 24.02.2026 - 08:06 | Geändert: 24.02.2026 - 08:15