Am 14. August präsentierte der weltbekannte Künstler und Aktivist Ai Weiwei im Berliner Pfefferberg Theater sein neues Werk „Über Zensur“. Ausgehend von seinen Erfahrungen mit direkter Unterdrückung in China widmet er sich nun subtileren Formen der Meinungs- und Gedankenbeschränkung im Westen – von Selbstzensur und „Wokeness“ bis hin zur Rolle von Algorithmen und KI.
In dieser Zusammenfassung der Buchvorstellung spricht Ai Weiwei über die Gefahr einer Welt ohne Kontraste („Ein Universum ohne Schatten“), die Mechanismen sozialen Zwangs und die Frage, ob Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes in Zeiten politischer Korrektheit zu einer leeren Hülle verkommt.
Nach seinen Erfahrungen mit direkter Unterdrückung in China konzentriert er sich nun auf subtilere Formen der Meinungs- und Gedankenbeschränkung im Westen – von Selbstzensur und „Wokeness“ bis hin zur Rolle von Algorithmen und KI.
In dieser Zusammenstellung zur Buchvorstellung erörtert Ai Weiwei die Gefahr einer Welt ohne Kontraste („Ein Universum ohne Schatten“), die Mechanismen des sozialen Zwangs und die Frage, ob Artikel 5 des Grundgesetzes in Zeiten der politischen Korrektheit zu einer leeren Hülle wird.
Überblick
0:07 Einführung und Vorstellung Der Moderator begrüßt Ai Weiwei in Berlin zur Vorstellung seines neuen Buches über Zensur. Es folgt ein kurzer Rückblick auf Ai Weiweis bewegtes Leben: seine Kindheit im chinesischen Exil in einer Erdhöhle, sein Studium in Peking und New York sowie seine Verhaftung im Jahr 2011.
5:48 Die Wurzeln der Zensur: Die Erfahrung des Vaters Ai Weiwei erläutert, dass seine Erfahrungen mit Zensur bereits bei seinem Vater, dem Dichter Ai Qing, begannen. Dieser wurde für 20 Jahre verbannt und durfte nicht schreiben. In der Verbannung schrieb der Vater heimlich unter schlechtesten Lichtverhältnissen auf Papierstreifen an einer Geschichte Roms, wobei er fast sein Augenlicht verlor.
10:52 Digitale Zensur und Überwachung in China Ab 2005 nutzte Ai Weiwei das Internet intensiv für gesellschaftskritische Blogs. Die chinesischen Behörden reagierten mit ständigen Kontosperrungen, woraufhin er hunderte Male seinen Namen änderte. Er begegnete der polizeilichen Überwachung, indem er sein Privatleben und sogar sein Schlafzimmer per Livestream öffentlich machte.
15:48 Zensur im Westen und politische "Timidität" Ai Weiwei stellt fest, dass Zensur überall existiert, auch im Westen. Er berichtet, dass nach einem Tweet über die Beziehungen zwischen Israel und den USA mehrere seiner Ausstellungen in England, Deutschland, Frankreich und den USA abgesagt wurden. Er kritisiert eine weitverbreitete Heuchelei und Ängstlichkeit in westlichen Gesellschaften.
20:24 Erfahrungen mit Banken: Westen versus China Der Künstler schildert negative Erfahrungen mit Banken in Deutschland und der Schweiz, die ohne Angabe von Gründen Konten schlossen oder ihn aufgrund angeblicher "krimineller Aufzeichnungen" ablehnten. Im Gegensatz dazu sei der Zugriff auf sein Geld bei einer chinesischen Bank nach zehn Jahren Abwesenheit innerhalb von Minuten und völlig unbürokratisch möglich gewesen.
23:32 Rückkehr nach China und die Situation der Mutter Trotz seiner Verhaftung 2011 hat Ai Weiwei keine Angst, China zu besuchen, um seine 93-jährige Mutter zu sehen. Er betont, dass er nicht mehr um sich selbst besorgt ist, da sein Sohn inzwischen erwachsen und unabhängig ist.
27:42 Identität als "heimatloser" Fremder Obwohl er in vielen Ländern lebt, betrachtet sich Ai Weiwei als heimatlose Person. Er beschreibt das Gefühl der Frustration, wenn man die Sprache nicht spricht und sich in fremden Umgebungen wie ein permanenter Hotelgast fühlt. Er äußert den Wunsch, wieder in seiner Muttersprache kommunizieren zu können.
31:00 Das Selfie mit Alice Weidel Angesprochen auf ein umstrittenes Selfie mit der AfD-Politikerin Alice Weidel erklärt Ai Weiwei, dass er mit jedem ein Selfie mache, der ihn darum bitte, ohne dessen politischen Hintergrund zu prüfen. Er respektiere die persönliche Wahl eines Menschen und lehne es ab, andere nur nach ihrem politischen Leben zu beurteilen.
34:41 Kritik an Deutschland und die Freude am Essen Er steht zu seinen früheren kritischen Äußerungen über die deutsche Mentalität (mangelnder Humor, Autoritätsgläubigkeit). Gleichzeitig lobt er mittlerweile die Qualität von deutschem Brot und Wurst und berichtet amüsiert über seine Versuche, in Berlin Hafermilch-Kaffee zu bestellen.
40:52 Die Wahl Berlins und die Rolle als Professor Ai Weiwei erklärt, warum er nach Erhalt seines Passes Berlin als Standort wählte: wegen des deutschen Einsatzes für Menschenrechte und Meinungsfreiheit. Er berichtet kurz über seine Zeit als Professor an der UdK, wo er die Zeit mit den Studenten sehr genoss.
43:27 Was Kunst leisten sollte Er sieht Kunst nicht als bloße Dekoration oder "Massage" für die Gesellschaft. Kunst ist für ihn untrennbar mit Politik verbunden. Selbst die Behauptung, Kunst sei unpolitisch, stellt für ihn bereits ein politisches Statement dar.
46:44 Künstliche Intelligenz und Menschlichkeit Ai Weiwei sieht in Künstlicher Intelligenz ein rein rationales Werkzeug, das niemals echte Kunst schaffen könne. Kunst entspringe dem menschlichen Herzen und Emotionen wie Trauer oder Freude, die eine KI nicht nachempfinden könne. Zudem sei das Streben der KI nach "korrekten" Antworten das Gegenteil von Menschlichkeit, die sich durch Unvollkommenheit und Fehler auszeichne.
49:51 Reisen in die Ukraine und moderne Kriegsführung Er berichtet von seinen vier Reisen in die Ukraine, bei denen er die Front besuchte. Er stellt fest, dass sich die Ethik des Krieges durch Drohnen fundamental verändert hat: 96 % der Verluste entstünden durch Drohnen, was teure Panzertechnik (wie die deutschen Panzer) nahezu wirkungslos mache.
53:41 Fazit: Freude überwiegt die Trauer Abschließend reflektiert er über seine Autobiografie "1000 Jahre Freud und Leid" und stellt fest, dass in seinem Leben die Freude gegenüber der Trauer deutlich überwogen habe.