Postkoloniale Theorie ist in den letzten Jahren im akademischen Raum zu einem äußerst einflussreichen Ansatz geworden. Diese Denkschule, mit der Entwicklungen im globalen Süden erklärt werden sollen, ist insbesondere für ihre Kritik an universalisierenden Kategorien der Aufklärung bekannt. Genau hier setzt Vivek Chibber am Beispiel der "Subaltern Studies" theoretisch akribisch und historisch gesättigt an und weist analytische Fehlschlüsse und historische Missverständnisse in ihren zentralen Argumentationen nach.
02.04.2019
Vivek Chibber: Imperialism, Orientalism and Social Emancipation
auf YouTube (02.04.2019) 1:01:55
Medienpräsenz
In diesem Video mit dem Titel "Vivek Chibber: Imperialism, Orientalism and Social Emancipation" analysiert der Soziologe Vivek Chibber die historische Entwicklung der Kritik an Kolonialismus und Orientalismus sowie deren schwindende Verbindung zu antikapitalistischen Bewegungen.
Hier ist die Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:
1. Definition und Ursprung des Orientalismus
- Orientalismus als Ideologie: Chibber definiert Orientalismus als die Rechtfertigungsideologie für imperialistische Herrschaft [01:04]. Sie basiert auf der Vorstellung, dass der "Osten" (Orient) sich fundamental und unveränderlich vom "Westen" unterscheidet [01:42].
- Wandel der kolonialen Strategie: Mitte des 19. Jahrhunderts (nach der Rebellion in Indien 1857) gaben die Briten ihre "Zivilisierungsmission" auf. Statt die Gesellschaft zu transformieren, stützten sie sich auf traditionelle Eliten wie Grundbesitzer und Fürsten [05:10].
- Rechtfertigung durch Differenz: Um diese traditionellen Mächte zu legitimieren, betonten die Kolonialherren, dass westliche Konzepte wie Freiheit oder Demokratie für den Osten ungeeignet seien, da dieser durch Spiritualität und Gemeinschaft (statt Individualität) geprägt sei [09:18].
2. Die Verschränkung von Antikolonialismus und Sozialismus (1920er–1980er)
- Ablehnung der "Essentialisierung": Ab den 1920er Jahren (beeinflusst durch die Russische Revolution) entstand eine neue Form des Nationalismus. Diese lehnte nicht nur die Kolonialherrschaft ab, sondern auch die Vorstellung, "Ost" und "West" seien einheitliche, völlig verschiedene Blöcke [14:46].
- Klassenkampf statt Kulturkampf: Bewegungen in Asien und Afrika forderten Landreformen und Arbeiterrechte. Da diese Forderungen auch lokale Eliten (Landbesitzer, nationale Kapitalisten) angriffen, wurde deutlich, dass der Hauptkonflikt ökonomischer Natur war, nicht rein kulturell [18:21].
- Kapitalismus als Ursache: Denker wie Kwame Nkrumah oder Walter Rodney sahen Rassismus nicht als Ursache, sondern als Folge des Kapitalismus und der ökonomischen Ausbeutung [22:49].
3. Die Wende ab den 1980er Jahren und Edward Said
- Postkoloniale Theorie: Chibber kritisiert, dass mit dem Aufkommen der postkolonialen Theorie (insbesondere durch Edward Saids Werk "Orientalismus") die ökonomische Kritik aus dem Fokus geriet [24:11].
- Rückkehr zum Dualismus: Paradoxerweise habe Saids Kritik den Dualismus zwischen Ost und West wiederbelebt, indem er den Imperialismus auf eine spezifisch "westliche Mentalität" (einen "Willen zur Macht") zurückführte, anstatt auf die Logik des Kapitalismus [26:43].
- Ausschluss von Marx: In der modernen akademischen Welt wird Marx oft als rein "westlicher" Denker abgetan, dessen universelle Konzepte nicht auf den globalen Süden anwendbar seien [31:52].
4. Fazit und Ausblick
- Universalismus als Lösung: Chibber plädiert für eine Rückkehr zu einem Projekt der universellen Emanzipation, das auf gemeinsamen menschlichen Bedürfnissen und Rechten basiert [35:02].
- Notwendigkeit der Organisation: Er betont (auch in Bezug auf den Klimawandel), dass echte Veränderung nicht durch individuellen Konsum oder rein kulturelle Kritik, sondern nur durch die Organisierung gegen die Macht des Kapitals erreicht werden kann [59:47].
Sprache (Ton)
Englisch
Laufzeit
1h 1min 55s
Videoautoren
Erstellt: 24.02.2026 - 08:17 | Geändert: 24.02.2026 - 08:17