Moshe Zimmermann (Jahrgang 1943) ist ein israelischer Historiker, Antisemitismusforscher, Autor und politischer Publizist. Er wurde in Jerusalem als Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer geboren, deren Familien 1938 aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Palästina geflohen waren. An der Hebräischen Universität Jerusalem studierte er Geschichte und Politikwissenschaft und promovierte mit einer Untersuchung über die Emanzipation der Hamburger Juden im 19. Jahrhundert. Von 1986 bis zu seiner Emeritierung 2012 lehrte er dort Neuere Geschichte und leitete zugleich das Richard-Koebner-Minerva-Zentrum für Deutsche Geschichte. Gastprofessuren führten ihn unter anderem an mehrere deutsche Universitäten und nach Princeton. Zimmermanns wissenschaftliche Arbeit umfasst die deutsche Sozial- und Kulturgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, die Geschichte der deutschen Juden, Nationalismus und Antisemitismus, die deutsch-israelischen Beziehungen sowie die Geschichte von Film und Sport.
Besondere Bedeutung erlangte seine Biografie Wilhelm Marr – The Patriarch of Antisemitism über den deutschen Publizisten, der den Begriff „Antisemitismus“ im politischen Sprachgebrauch verbreitete. Weitere wichtige Werke sind Die deutschen Juden 1914–1945, Deutsch-jüdische Vergangenheit, Deutsche gegen Deutsche und Vom Rhein an den Jordan, in denen Zimmermann die deutsch-jüdische Geschichte nicht als Randgebiet, sondern als Bestandteil der allgemeinen deutschen Geschichte behandelt. Als Mitherausgeber des 2010 erschienenen Berichts Das Amt und die Vergangenheit war er an der Untersuchung der Beteiligung des deutschen Auswärtigen Amtes an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und des späteren Umgangs mit belasteten Diplomaten beteiligt. Sein umfangreiches Werk umfasst außerdem Studien zur Erinnerung an den Holocaust, zum Zionismus, zur israelischen Gesellschaft und zur politischen Instrumentalisierung von Geschichte.
Zimmermann gehört zugleich zu den international bekanntesten israelischen Kritikern der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik. Er befürwortet eine Zweistaatenlösung und warnt seit Jahrzehnten davor, den Holocaust zur Rechtfertigung gegenwärtiger israelischer Regierungspolitik heranzuziehen. Dabei lehnt er eine pauschale Deutung des Zionismus als europäisches Kolonialprojekt ab: Die jüdische Einwanderung nach Palästina erklärt er vor allem aus Verfolgung, Vertreibung und dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung. Die nach 1967 entstandene Siedlungsbewegung im besetzten Westjordanland beurteilt er dagegen ausdrücklich als koloniales Unternehmen. Seine scharfe Kritik gilt besonders der Politik Benjamin Netanjahus, der Schwächung demokratischer Institutionen und der Vorstellung, der Konflikt mit den Palästinensern könne dauerhaft militärisch beherrscht werden.
In Büchern wie Goliaths Falle, Die Angst vor dem Frieden und Niemals Frieden? Israel am Scheideweg verbindet Zimmermann historische Analyse mit politischer Intervention. Das 2024 erschienene Niemals Frieden? untersucht den Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gazakrieg. Zimmermann fordert darin eine Abkehr von Siedlungspolitik, Islamismus und militärischer Dauerherrschaft sowie eine international unterstützte politische Regelung mit zwei Staaten. Das Buch wurde 2024 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert; die Jury würdigte besonders die Einbeziehung israelischer und palästinensischer Perspektiven. Zimmermann zählt damit nicht nur zu den bedeutenden Historikern der deutsch-jüdischen Beziehungen, sondern auch zu den profiliertesten israelischen Stimmen in der deutschsprachigen Debatte über Erinnerungskultur, Antisemitismus und den Nahostkonflikt.
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