Der Anarchist und Evolutionstheoretiker Peter Kropotkin (1842-1921) zeigt in seinem Spätwerk auf, wie eine Ethik zu begründen ist, die auf einer naturalistischen Basis beruht und ohne metaphysische, transzendente bzw. religiöse Fundierung auskommt. Ausgehend von seinen Untersuchungen zur gegenseitigen Hilfe bei Tieren und Menschen, die als Vorläufer der modernen Soziobiologie verstanden werden kann und insbesondere die Bedeutung kooperativen Verhaltens für die Evolution in den Blick rückt, beschreibt Kropotkin, dass "sittliches" Verhalten selbst in der Natur angelegt ist bzw. zu ihr nicht im Widerspruch steht.
Freizeitfront: Peter Kropotkin - Anarchistische Moral, Kapitel 2
auf YouTube (27.04.2026) 10:37
Kapitel 2:
Kropotkin beginnt mit einem Bild aus der katholischen Ikonografie: Der Mensch wandert mit einem Teufel auf der linken und einem Engel auf der rechten Schulter; aus dem Kampf der beiden ergebe sich tugendhaftes oder lasterhaftes Handeln. Diese naive Vorstellung sei zwar verschwunden, lebe aber in modernem Gewand fort.
Dagegen stellt Kropotkin die These der englischen Philosophen und der Encyclopädisten, die später von Bentham, Mill und Tschernyschewski erneuert wurde: Alle Handlungen – die guten wie die schlechten – entspringen ein und derselben Triebfeder, nämlich dem Streben nach Selbstbefriedigung beziehungsweise dem Vermeiden von Leid. Ein Mensch, der einem Kind das Brot wegnimmt, und ein Mensch, der sein letztes Hemd hergibt, handeln beide aus diesem Grund: Der eine findet Vergnügen am Nehmen, der andere ein noch größeres Vergnügen (oder eine Erleichterung von Mitleidsschmerz) am Geben.
Die Beispiele
Kropotkin führt diese These durch eine Reihe von Beispielen aus, die bewusst Heroisches und Niederträchtiges nebeneinanderstellen:
Thiers, der 35.000 Pariser massakrieren lässt, und ein Raubmörder folgen beide einem alles andere erstickenden Wunsch (Ruhm, Geld, Wollust).
Eine russische Revolutionärin, die für die Befreiung der Unterdrückten aufs Schafott steigt, würde ihr Leben nicht gegen das eines kleinen Diebs tauschen – im Kampf findet sie ihre größte Befriedigung.
Eine Frau, die ihr letztes Stück Brot oder ihre Kleidung hergibt, tut dies, weil sie unter dem Anblick fremden Leids selbst stärker leiden würde.
Affen, die einen erschossenen Artgenossen aus dem Zelt eines Jägers zurückfordern, und Ameisen, die sich zu Tausenden in die Flammen werfen, um ihre Larven zu retten, folgen demselben inneren Drang.
Selbst ein Infusionstierchen, das einem zu heißen Strahl ausweicht, und eine Pflanze, die ihre Blüten der Sonne zuwendet, gehorchen diesem Prinzip.
Die Schlussfolgerung
Daraus leitet Kropotkin ein universelles biologisches Prinzip ab: Das Streben nach Befriedigung und das Vermeiden von Leid sei „eine allgemeine Tatsache (ein Gesetz würden andere sagen) in der organischen Welt. Es ist die Essenz des Lebens selbst." Anarchistischebibliothek Ohne dieses Streben würde der Organismus zerfallen, das Leben aufhören.
Damit ist der erste Schritt seiner Argumentation getan: Die alte religiöse Vorstellung von Tugend als Sieg der Seele über die Fleischeslust ist hinfällig; Materialismus und naturwissenschaftliche Beobachtung führen zur „Theorie des Egoismus", wonach alle Handlungen aus einem natürlichen Bedürfnis hervorgehen.
»Freizeitfront« ist ein Projekt, das politischen Theorie zugänglichen machen soll. Zu diesem Zweck habe ich mich (sehr zum Ärger Liberaler, die politische Bildung ganz schrecklich finden), dazu entschlossen, Werke, die mir persönlich geholfen haben und die noch nich als Hörbücher erhältlich sind, vorzulesen.
Das soll all jenen, denen es, aus welchen Gründen auch immer schwerfällt, selbst zu lesen, den Zugang erleichtern. Geplant ist, täglich ein neues Kapitel zu veröffentlichen, zusätzlich zu meinem üblichen Content.
Den Start macht dabei »Anarchistische Moral« von Peter Kropotkin. Ein ziemlich kurzes Werk, das mir dabei helfen soll, dieses Format zu testen.