Die verbindende Partei
Theorie und Praxis. Thematische Textauswahl 2010-2024
Jede Zeit, jeder Kapitalismus hat eigene Kämpfe, die verschieden geführt werden müssen. Debatten um die Ausrichtung einer linken Partei, sozialistisch, gar revolutionär, bewegen die gesellschaftliche Linke seit ihrem Entstehen. Für jede Periode kapitalistischer Entwicklung ist auch die Form linker Organisierung im Allgemeinen neu zu bestimmen, wie auch die jeweilige Partei »neuen Typs« im Besonderen. Wie können die Verhältnisse bewegt, die Kräfteverhältnisse verschoben werden? Nach dem – unterschiedlichen – Scheitern der realsozialistischen wie sozialdemokratischen Form der (Massen-)Parteien stellen sich die Fragen neu.
Das Konzept der »verbindenden Partei« war und ist ein Versuch, nach einem neuen Verhältnis von Partei und Bewegung, Selbstorganisierung und Repräsentation zu suchen. Es zielt darauf, die diversen (politischen) Subjekte zu vereinen, ohne bestehende Unterschiede zu leugnen, den Eigensinn von Bewegungen (Klima, Antifaschismus, queere Kämpfe) ernst zu nehmen und gemeinsam klassenpolitische und sozialistische Strategien zu entwickeln. Das Buch dokumentiert einige der zentralen Texte des Konzepts und bilanziert damit verbundene Praxis.
Für ein linkes Politikverständnis hat Antonio Gramsci den Begriff der »gesellschaftlichen Partei« geprägt, eine gesellschaftliche organisierende Kraft der Subalternen im Kampf um Hegemonie. Seit der Zeit Gramscis hat sich vieles verändert. Insbesondere kann keine Partei mehr Anspruch auf Führung der Linken erheben, der Bezug auf die Arbeiterbewegung bzw. die Arbeiterklasse ist nicht mehr ungebrochen.
An Gramsci anknüpfend, versucht der Begriff der verbindenden Partei ein für die Gegenwart adäquates Konzept von Partei zu formulieren. Kein Teil der pluralen Linken, keine Partei, keine Gewerkschaft, keine linke Avantgarde kann mehr die leitende Rolle beanspruchen. Zugleich muss ein Weg gefunden werden, wie Pluralität nicht in Spaltung umschlägt. Dies ist auch die Idee hinter Mimmo Porcaros Begriff der partito connettivo: Sie »sollte die Vorstellung der klassischen Massenpartei überwinden«. Die verbindende Partei ist »die Vereinigung der unterschiedlichen (politischen) Subjekte in Formen, die die bestehenden Unterschiede nicht beseitigen«, sondern in einer gesellschaftlichen Partei neuen Typs bündeln.
In den Zyklen der globalisierungskritischen Bewegung und später der Empörten nach 2011 wurde unter diesem Begriff nach einem neuen Verhältnis von Partei und Bewegung, Selbstorganisierung und Repräsentation gesucht. Auch die Partei Die Linke entwickelte eigene Überlegungen zu einer verbindenden Partei. Becker/Candeias/Kaindl dokumentieren einige der wichtigsten Texte des Konzepts und bilanzieren die damit verbundene Praxis.
Inhaltsverzeichnis des Verlags
Aus dem Inhalt
Mario Candeias, Lia Becker u. Christina Kaindl, Einleitung: Am Anfang stand die Krise. Zur Theorie und Praxis von verbindender Partei und neuer Klassenpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Marxistische Parteientheorie revisited
1. Rossana Rossanda, Klasse und Partei. Ein geschichtlicher Überblick (1975) . 48
2. Wieland Elfferding, Klassenpartei und Hegemonie (1983). . . . . . . . . . . . . . . . 64
3. Anne Steckner, Marxistische Parteiendebatte revisited. Zur Verortung
politischer Parteien in der bürgerlichen Gesellschaft (2013) . . . . . . . . . . . . . . . 91
Vom Mosaik zur verbindenden Partei
1. Hans-Jürgen Urban, Lob der Kapitalismuskritik. Warum der Kapitalismus
eine starke Mosaik-Linke braucht (2010) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
2. Mario Candeias, Von der fragmentierten Linken zum Mosaik (2010) . . . . . . . 123
3. Mimmo Porcaro, Partei in der Krise (2010). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
4. Mimmo Porcaro, Linke Parteien in der fragmentierten Gesellschaft (2012) . 140
5. Christina Kaindl u. Rainer Rilling, Eine neue »gesellschaftliche
Partei«? (2011) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
Occupy Lenin – Aufbruch und Scheitern in der Krise
1. Mimmo Porcaro, Occupy Lenin. Der heimliche Evolutionismus
der Linken (2013) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
2. Mario Candeias, Eine Situation schaffen, die noch nicht existiert (2014). . . . 167
3. Mario Candeias, Ein Moment der Katharsis. Syriza und die europäische
Linke (2016) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
4. Mimmo Porcaro, Occupy Machiavelli. Zwischen verbindender und
strategischer Partei (2016) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
5. Mario Candeias, Lost in the Crowd? Gedanken zu Porcaros ›strategischer
Partei‹ (2016) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Die »verbindende Partei« in der Partei Die Linke …
1. Lia Becker, Mario Candeias, Jan Niggemann u. Anne Steckner,
Gesellschaftliche Partei/verbindende Partei (2019) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
2. Lia Becker, Mario Candeias, Jan Niggemann u. Anne Steckner,
Organische Intellektuelle; Vermittungsintellektuelle (2019) . . . . . . . . . . . . . . 227
3. Katja Kipping u. Bernd Riexinger, Verankern, verbreiten, verbinden:
Projekt Parteientwicklung. Eine strategische Orientierung für Die Linke
(2013) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
4. Mario Candeias, Linksparteien – multiple Persönlichkeiten oder
lebendige Organismen? (2014) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
5. Katja Kipping u. Bernd Riexinger, Die kommende Demokratie:
Sozialismus 2.0 (2015) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
6. Bernd Riexinger, Ein unmoralisches Angebot. Die Linke als Partei
gewerkschaftlicher Erneuerung (2016). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
6 Inhalt
7. Mario Candeias, Populistisches Momentum? Lernen von Corbyn,
Sanders, Mélenchon, Iglesias. Ein indirekter Kommentar zur
Kampagne von #aufstehen (2018). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296
… und die neue Klassenpolitik
1. Christina Kaindl, Linke Klassenpolitik? Das Ziel: Solidarität der
verschiedenen Gruppen der Lohnabhängigen miteinander (2010) . . . . . . . . 310
2. Bernd Riexinger, Sozialistische Klassenpolitik – verbinden statt
gegeneinander ausspielen (2018) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
3. Alex Demirović, Die Zumutungen der Klasse. Vielfältige Identitäten
und sozialistische Klassenpolitik (2017) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
4. Anne Steckner, »Die Asys müssen weg!« Haustürbesuche als Strategie
gegen die Spaltung (2017) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
5. Christina Kaindl u. Sarah Nagel, … da, wo es brennt. Die Linke
als organisierende Partei vor Ort (2019) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
6. Barbara Fried, Die Linke im Einwanderungsschland. Emanzipatorische
Klassenpolitik für eine solidarische Einwanderungsgesellschaft
(2017) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
7. Lia Becker, New Queens on the block. Transfeminismus und neue
Klassenpolitik (2018) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
8. Mario Candeias, Linkspartei, was nun? Drei Vorschläge für eine
Strategiediskussion (2019) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359
9. Alex Demirović, Gegen die Eindeutigkeit (2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
10. Harald Wolf, Auf Triggerpunkten tanzen – oder: Eine verbindende
Klassenpolitik ist möglich (2025) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378
Erneuerung und Neugründung angesichts der Faschisierung
1. Thomas Goes, Mit dem Gesicht zu den Menschen. 13 Gedanken zur
Öffnung und Erneuerung der Linken (2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388
2. Marlen Borchardt u. Nam Duy Nguyen, Zeit, dass sich was dreht! (2024). . 395
3. Susanne Lang u. Robert Maruschke, Partei im Umbruch. Heraus-
forderungen eines strategischen Neuaufbaus der Linken (2025) . . . . . . . . . . 402
4. Mario Candeias, Die Linke – ein Wintermärchen. Wie es der Partei
gelang, wieder in die Erfolgsspur zu kommen, und was das für ihre
Reorganisation bedeutet (2025) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413
5. Lia Becker, Der Horizont eines sozialen Antifaschismus. Neoliberale
Faschisierung und das Momentum der Linken (2025) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422
6. Katharina Dahme u. Sabine Ritter, Die Linke als antifaschistische
Bündnispartei (2025) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 437
7. Mario Candeias, Das politische Feld nach links verschieben. Bedingungen
und Schwierigkeiten einer antifaschistischen Volksfront (2025) . . . . . . . . . . 445
8. Lia Becker, Lola Fischer-Irmler, Barbara Fried, Elisa Otzelberger,
Birgit Sauer u. Alex Wischnewski, Für einen Aufstand der Töchter.
Warum es einen intersektionalen Antifaschismus braucht (2025) . . . . . . . . 455
Herausgegeben von
Lia Becker ist Referentin für Zeitdiagnose und Sozialismus am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. zeitschrift-luxemburg.de (27.06.2026)
Christina Kaindl leitet den Bereich Strategie und Grundsatzfragen beim Parteivorstand der Partei die LINKE. Sie war jahrelang in linken Bewegungen aktiv und ist Gründungsmitglied der Zeitschrift Luxemburg. zeitschrift-luxemburg.de (27.06.2026)