Kleine Geschichte der SED
Ein Lesebuch
Er erzähle als »Überzeugungstäter mit gutem Gewissen« seine kleine Geschichte, ohne die Perspektive als Zeitzeuge zur allein gültigen zu erheben. Schreibt Heinz Niemann. Er war fast vierzig Jahre in der SED. Und seinen Blick richtet er vornehmlich auf Walter Ulbricht und Erich Honecker. Doch die Ulbricht-Zeit steht bei dem Politikwissenschaftler im Zentrum: Erstens weil die DDR – wie damals von einigen westlichen Beobachtern bemerkt – der »interessanteste Staat in Europa war«. Und weil zweitens der Autor meint, das träfe auch auf diesen Zeitabschnitt seiner Biografie zu.
Niemann sieht diese Partei ehrlich und kritisch. Das Land, das sie maßgeblich gestaltete, wertet er als eine durch unwiederholbare Umstände gegebene großartige Chance, einen sozialistischen Staat zu schaffen, was eine Zeit lang gut ging. Bis sich diese SED sukzessive selbst abschaffte. Niemann hat kein akamisches Geschichtsbuch, sondern ein populäres Lesebuch geschrieben, das auch für Wissenschaftler eine historische Quelle ist.
Interview
80 Jahre SED: »Einmal habe ich Ulbricht aus der Badewanne holen lassen« Über Anfang und Ende der SED, Chancen und Grenzen der DDR und die andauernde Delegitimierung des sozialistischen Versuchs.
Sie waren zehn Jahre alt, als sich im April 1946 im Berliner Admiralspalast die Vorsitzenden von KPD und SPD symbolisch die Hände reichten und damit die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands aus der Taufe hoben. Einheit meinte die Überwindung der politischen Spaltung der Arbeiterbewegung, die während des Ersten Weltkriegs erfolgt war. Die einen ließen sich damals vor den imperialistischen Kriegskarren spannen – die anderen verweigerten die Gefolgschaft: Diesem Vaterland nicht meine Knochen! Die politische Spaltung der Arbeiterbewegung führte in die faschistische Diktatur und in die nationale Katastrophe …
Stopp. Das stimmt schon, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Nicht der Parteienstreit war ursächlich für die Errichtung der verbrecherischen Naziherrschaft und für den Zweiten Weltkrieg. Das Ermächtigungsgesetz wurde schließlich mit den Stimmen der bürgerlichen Parteien beschlossen. Da spielten also noch andere, innenpolitische wie außenpolitische Faktoren eine Rolle. Aber die Lehre, die man aus diesen dreißig Jahren brutaler, blutiger Klassenauseinandersetzungen zog, lautete: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg. Und um das zu erreichen, mussten jene systembedingten Voraussetzungen beseitigt werden, die Faschismus möglich gemacht hatten.
Ein Gespräch mit Heinz Niemann Interview: Frank Schumann Junge Welt 11.04.2026
Rezension
Mit Insiderwissen. Die „Kleine Geschichte der SED“ begleitet mit zahlreichen Dokumenten die führenden Köpfe der DDR. Die „Kleine Geschichte der SED – Ein Lesebuch“ breitet chronologisch und sehr umfangreich die wesentlichen Etappen der Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung der DDR bis zu ihrem Ende aus. Dargestellt wird in diesem Prozess die jeweilige Rolle der SED und in besonderem Maße ihrer führenden Köpfe Walter Ulbricht und Erich Honecker. Dabei war es dem Autor, Heinz Niemann, ein spezielles Anliegen, über diese beiden Politiker „ein historisch möglichst gerechtes Urteil abzugeben“. Das ist ihm aufgrund seines konsequent historisch-materialistischen Herangehens bei der Auswertung eines breit gefächerten Quellenmaterials und seines „Insiderwissens“ überzeugend gelungen. Der Leser erhält tiefere Einblicke in die Auseinandersetzungen in den obersten Führungsgremien der Partei, besonders des Politbüros und des Zentralkomitees sowie des Staatsapparates.
Von Horst Maiwald → UZ 04.09.2020