Als in Amerika lebender, deutscher Wissenschaftler erlebt Jörg Rieger hautnah mit, wie sich demokratische Strukturen, die Medienlandschaft und die Gesellschaft durch den Einfluss extrem reicher Einzelpersonen verändern, die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker auseinanderklafft und gleichzeitig Verteilungskämpfe und Abstiegsängste Menschen radikalisieren und die Gesellschaft spalten. Nur wenn die Ursachen davon verstanden werden, so argumentiert er, können echte Alternativen entwickelt werden. Und doch ist Verständnis nur ein Anfang. Solidarität und die Bereitschaft, die Intersektionalität von Sexismus, Rassismus und Klasse in den Blick zu nehmen, müssen die Arbeit einer Theologie prägen, die die biblische Botschaft der Befreiung ernst nimmt.
#interview | Jörg Rieger - Was ist Theologie im Kapitalozän?
auf YouTube (06.08.2026) 1:30:45
THEOLOGIE IM KAPITALOZÄN – EIN GESPRÄCH MIT JÖRG RIEGER
Was hat Theologie mit dem Kapitalismus zu tun?
Mehr, als die meisten Menschen ahnen – und mehr, als die meisten Kapitalismuskritiker zugeben würden.
Moritz spricht mit Professor Jörg Rieger, methodistischer Pastor, Befreiungstheologe und Inhaber einer der renommiertesten Theologie-Professuren an der Vanderbilt University in Nashville. Sein Buch Theologie im Kapitalozänist gerade auf Deutsch erschienen – und es kommt zur richtigen Zeit.
Schon der Begriff macht einen entscheidenden Move: nicht Anthropozän, wo acht Milliarden Menschen kollektiv angeklagt werden, sondern Kapitalozän. Die Frage ist nicht, wer Kaffeebecher benutzt, sondern wer den Planeten wirklich zerstört – und welche Interessen dahinterstecken. Dass BP in den 90ern den persönlichen CO₂-Fußabdruck erfunden hat, ist kein Zufall. Es ist Ablenkung.
Das Gespräch geht tief. Welche Gottesbilder formt das Imperium – und welche werden durch die Bibel gebrochen? Was hat die Weihnachtsgeschichte mit Machtkritik zu tun? Warum sitzt Gott im Exodus nicht beim Pharao, sondern im brennenden Dornbusch? Und was sagt es über die Methodistische Kirche, dass sie von 1933 bis 1945 die Mittelposition bezogen hat – und warum ist genau das auch heute eine Gefahr?
Jörg erklärt, warum Solidarität keine Weichheit ist, sondern die eigentliche Machtfrage. Wie Community Organizing und Solidaritätsökonomie konkret zusammengehen – in seinen Solidarity Circles, die mit über 300 Gemeinden ökumenisch und interreligiös gearbeitet haben. Und warum eine Erweckungsbewegung von unten theologisch gesehen plausibler ist als alles, was von oben inszeniert wird.