Unter den Neuerscheinungen zu 1968 wird diese Bilanz eines gesellschaftlichen Aufbruchs gleichzeitig eine der persönlichsten und eine der kritischsten sein. Persönlich, weil nicht nur die Sicht der Autorin, sondern auch ihre von heutiger Warte aus bisweilen bizarren Erlebnisse zum Tragen kommen. Kritisch, weil sie, obwohl so mitten im Geschehen, immer die zwar sympathisierende, aber eben auch distanzgeprägte Sicht auf eine dann doch "fremde" Gesellschaft behält.
Gespräche mit und über Gretchen Dutschke - Salon Mühlenhaupt
auf YouTube (22.11.2024) 1:01:05
Gretchen Dutschke ist eine Person der Zeitgeschichte. Als solche sind schon viele Texte über sie und auch von ihr geschrieben worden, in erster Linie in ihrer Rolle als Ehefrau und Mitstreiterin von Rudi Dutschke, der Ikone und Lichtgestalt der 68er-Bewegung, welche die Bundesrepublik seit Ende der 1960er Jahre entscheidend herausgefordert, geprägt und verändert hat. In diesem Interview-Buch geht es erstmals ausschließlich um Gretchen Dutschke selbst, als Tochter aus evangelikalem Elternhaus, als neugierige und aufsässige Schülerin am College, als Zugezogene aus den USA mit frischem, unverbrauchtem Blick auf das Deutschland der Nachkriegszeit, als Forscherin, Autorin, Umwelt-, Frauen- und Menschenrechtsaktivistin und nicht zuletzt als Privatperson, als Frau, Mutter und Großmutter. Immer wieder hat sie dabei ihren Lebensmittelpunkt zwischen den USA und Europa gewechselt, immer wieder neu angefangen. Im Gespräch mit Cornelia Dildei, die von Hause aus eigentlich Fachtierärztin für Lebensmittel ist, berichtet Gretchen Dutschke, wie sie dieses, auch abenteuerliche Leben wahrgenommen hat, welche Rolle äußere Umstände, eigener Wille und auch der Zufall gespielt haben. Wir erleben sie als reflektierte Zeitgenossin in ihrer Reise durch 80 Jahre Leben, die auch acht Jahrzehnte Zeitgeschichte spiegeln.
Zeitmarken
1. Einblicke in die Biografie
- Herkunft: Gretchen Dutschke wuchs in den USA in einem evangelikalen Umfeld auf. Sie kam 1964 nach Deutschland, um Philosophie zu studieren und Deutsch zu lernen [02:02].
- Beziehung zu Rudi Dutschke: Sie lernten sich über gemeinsame Interessen an Philosophie und Religion kennen. Rudi Dutschke war im SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) einer der wenigen, der sich für religiöse Aspekte der Befreiung interessierte [14:10].
- Das Attentat und die Flucht: Nach dem Attentat auf Rudi im April 1968 beschreibt Gretchen die Zeit der Genesung und die ständigen Ortswechsel (Schweiz, Italien, England) als eine Art "Abenteuer". Sie betont, dass sie trotz der widrigen Umstände glücklich war, weil es Rudi gesundheitlich besser ging [18:39].
2. Politische und gesellschaftliche Themen
- Rolle der Frauen: Gretchen kritisiert die männliche Dominanz im SDS. Sie sah in der Kommune-Idee eine Lösung für die Gleichberechtigung, da Hausarbeit und Kinderbetreuung dort gemeinschaftlich organisiert werden sollten [29:19].
- Kulturrevolution: Sie zieht das Fazit, dass die 68er-Bewegung zwar den Kapitalismus nicht stürzen konnte, aber eine tiefgreifende Kulturrevolution bewirkte. Sie zitiert Rudi Dutschke damit, dass 1968 die unvollendete bürgerliche Revolution von 1848 endlich vollendet wurde [42:06].
- Demokratie: Ein zentrales Anliegen ihres Buches ist es, der jüngeren Generation zu vermitteln, wie Deutschland sich von einem autoritär geprägten Land zu einer stabilen Demokratie entwickelte [58:10].
3. Anekdoten aus dem Gespräch
- Der Name "Gretchen": Auf die Publikumsfrage nach ihrem Namen erklärt sie, dass ihre Eltern ihn für einen typisch amerikanischen Namen hielten und keinen Bezug zu Goethes Faust hatten [53:04].
- Begegnung mit Hans Werner Henze: Sie berichtet, wie der Komponist Hans Werner Henze seine Solidarität zeigte, indem er Steine gegen das Springer-Hochhaus warf, und sie später in seine Villa in Italien einlud [54:21].
Hintergrund zum Buch: Das Buch entstand während der Corona-Zeit in Zusammenarbeit mit Cornelia D., einer Tierärztin und Freundin von Gretchen, die das Interview führte [24:23]. Es soll vor allem jungen Menschen einen "niederschwelligen" Zugang zur Geschichte der 68er ermöglichen [57:06].