Die Poesie der Klasse Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats von Patrick Eiden-Offe

Mit der Durchsetzung des Kapitalismus und der Industrialisierung entsteht im frühen 19. Jahrhundert aus verarmten Handwerkern, städtischem Pöbel, umherziehenden ländlichen Unterschichten, bankrotten Adligen und nicht zuletzt freigesetzten prekären Intellektuellen jenes neue soziale Kollektiv, das man in der Sprache der Zeit bald das Proletariat nennen wird. Allerdings existierte dieses zunächst noch nicht als formierte, homogene Klasse mit angeschlossenen politischen Parteien, die den Weg in die bessere Zukunft vorgeben. Die buntscheckige Erscheinung, die Träume und Sehnsüchte dieser allen ständischen Sicherheiten entrissenen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in romantischen Novellen, Reportagen, sozialstatistischen Untersuchungen, Monatsbulletins.

ISBN 978-3-95757-398-8     30,00 €  Portofrei     Bestellen

Doch schon bald wurden sie - ungeordnet, gewaltvoll, nostalgisch, irrlichternd und utopisch, wie sie waren - von den Vordenkern der Arbeiterbewegung als reaktionär und anarchisch verunglimpft, weil sie nicht in die große lineare Fortschrittsvision passen wollten. In seiner bahnbrechenden Studie verhilft Patrick Eiden-Offe dem lange verdrängten romantischen Antikapitalismus zu seinem Recht und befreit die Sozial- und Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts aus ihren eindimensionalen Sichtachsen. Dabei wird nicht zuletzt deutlich, dass die historische, poetisch besungene unordentliche Klasse den heutigen Figuren von Prekarität nach dem Ende der alten Arbeitsgesellschaft verblüffend ähnlich ist.

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Vormärz ist jetzt Die Erfindung des Proletariats: Patrick Eiden-Offes Spurensuche »Die Poesie der Klasse«Die Rede von der »Poesie der Klasse« solle dazu dienen, »die Klassenfrage – so wie sie sich im Vormärz zuerst stellte und wie sie sich bis heute in der einen oder anderen Form noch oder wieder stellt – vom Paradigma des Mangels zu lösen. Nicht Ignoranz oder Snobismus gegenüber Not und Ausbeutung sollen so zum Ausdruck gebracht werden, sondern ein Staunen über jenen verschwenderischen Reichtum an sozialen, an kulturellen und literarischen Formen, in denen sich Menschen historisch mit diesen Problemen auseinandergesetzt und in denen sie gegen diese Probleme gekämpft haben«.  Von Dirk Braunstein → Junge Welt 11.10.2017

 

 

Erstellt: 06.08.2017 - 07:36  |  Geändert: 11.10.2017 - 14:20