Jimmie Higgins von Upton Sinclair

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Karl-Heinz Schönfelder: Zeitgeschichtliche Hintergründe zu Upton Sinclaire's Jimmie Higgins

Die ungleiche ökonomische Entwicklung in den kapitalistischen Ländern bewirkte, daß um die Jahrhundertwende bestimmte Staaten einen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Machtzuwachs erfuhren, während andere die bislang innegehabten Positionen aufgeben mußten und an Bedeutung verloren. Diese Veränderungen im Kräfteverhältnis vertieften bereits bestehende Widersprüche, verschärften die Rivalität zwischen den miteinander konkurrierenden imperialistischen Staaten, intensivierten den Kampf um Einflußsphären, Kolonien, Rohstoffquellen und Absatzmärkte, verstärkten das Verlangen mächtiger nationaler Monopolverbände nach einer territorialen Neuaufteilung der Erde und erhöhten die Gefahr eines weltweiten Krieges. [ s.a. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus)

In besonders raschem Tempo hatten sich die wirtschaftliche Entwicklung sowie die Monopolisierung in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Deutschland vollzogen. Die USA waren bereits in den neunziger Jahren zur stärksten Wirtschaftsmacht der Welt geworden. In Europa schickte sich das Deutsche Reich an, die lange Zeit von England behauptete Vormachtstellung zu erobern. Es überflügelte den englischen Konkurrenten in der industriellen Warenproduktion, verwies ihn damit vom zweiten auf den dritten Platz, erhöhte seinen eigenen Anteil am Welthandel, verdrängte mit billigen, hoch hochwertigen Waren "Made in Germany" englische Produkte von traditionell englischen Absatzmärkten, betrieb eine aggressive Kolonialpolitik und forcierte den Ausbau seiner Hochseeflotte. Im Gefolge dieser Veränderungen kristallisierte sich ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen England und Deutschland heraus, zu dem ein nicht minder tiefer französischdeutscher und ein russisch-österreichischer Gegensatz hinzukamen. Somit hatten sich um 1910 in Europa zwei Machtgruppen herausgebildet, die sich feindselig gegen-überstanden: die Triple-Entente, der England, Frankreich und Rußland angehörten, sowie die Mittelmächte, eine aus Deutschland und Österreich-Ungarn bestehende Koalition. Lokale Konflikte wie die Marokkokrisen von 1905/06 und 1911 sowie die Balkankriege von 1912/13 machten deutlich, daß die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung zwischen diesen beiden imperialistischen Gruppierungen akut geworden war.

Diese Lage zwang auch das internationale Proletariat und die Führer der in der II. Internationale zusammengeschlossenen sozialistischen Parteien, zum Problem des Militarismus, bewaffneter Konflikte und imperialistischer Kriege Stellung zu nehmen. Die Marxisten hatten, wie Lenin es formulierte, "Kriege unter den Völkern stets als eine barbarische und entsetzliche Sache verurteilt". Es gehörte zu den Prinzipien der internationalen Arbeiterbewegung, den Militarismus anzuprangern und nach Möglichkeiten zu suchen, den Ausbruch von Kriegen zu verhüten. Diesem Ziel diente unter anderem ein 1893 auf dem Züricher Kongreß gefaßter, später mehrfach bestätigter Beschluß, der sozialistische Abgeordnete verpflichtete, in den Parlamenten ihrer jeweiligen Länder gegen Kriegskredite zu stimmen.

In der Folgezeit zeigte es sich jedoch, daß viele der aus der kleinbürgerlichen Intelligenz kommenden Führer sozialistischer Parteien und der Gewerkschaften unter dem wachsenden Einfluß der bürgerlichen Ideologie revisionistische Ansichten entwickelten, dem Opportunismus verfielen und bereit waren, mit der imperialistischen Bourgeoisie des eigenen Landes zu paktieren. Zwar gelang es den Delegierten eines 1912 in Basel abgehaltenen Kongresses, in einem eindringlichen Appell vor den Kriegsgefahren zu warnen und ein Manifest anzunehmen, in dem es hieß, das Proletariat erachte es als ein Verbrechen, "aufeinander zu schießen zum Vorteil des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastien und zur höheren Ehre diplomatischer Geheimverträge", aber schon zwei Jahre später setzten sich innerhalb der meisten sozialistischen Parteien Mittel- und Westeuropas Nationalismus und Sozialchauvinismus durch.

Als der erste Weltkrieg ausbrach, versagte die vom Opportunismus zersetzte II. Internationale. Entgegen allen feierlichen Deklarationen und Beschlüssen der Sozialistenkongresse verrieten die zentristischen und rechten Führer der deutschen, französischen, englischen, österreichischen und russischen Sozialdemokratie den Gedanken der internationalen proletarischen Solidarität Sie machten sich den bürgerlichen Nationalismus zu eigen, riefen die Arbeiter zum Burgfrieden mit der einheimischen Großbourgeoisie auf und behaupteten, ihr Land führe einen ihnen aufgezwungenen Verteidigungskrieg. Die deutschen Sozialdemokraten stimmten im Reichstag den Kriegskrediten zu, die Abgeordneten der englischen Labour Party taten ein Gleiches, französische und belgische Sozialisten traten als Minister in imperialistische Regierungen ein, der Allgemeine Gewerkschaftsbund Frankreichs (CGT) appellierte an die französischen Arbeiter, sich im Kampf gegen das reaktionäre Preußentum zu einem Bund der nationalen Einheit zusammenzuschließen, und die deutschen sozialdemokratischen Zeitungen stimmten in das chauvinistische Geschrei der ultrarechten Presse ein. Zu den wenigen Linksparteien, die den ersten Weltkrieg nachdrücklich verurteilten, gehörte neben den russischen Bolschewiki die Socialist Party, die Sozialistische Partei der Vereinigten Staaten von Amerika.

Für die amerikanische Großbourgeoisie erwies sich der in Europa tobende Krieg als eine günstige Gelegenheit, die industrielle Warenproduktion zu steigern, den Export zu vervielfachen, phantastisch hohe Gewinne zu erzielen, die europäischen Konkurrenten vom lateinamerikanischen Markt zu verdrängen, die kriegführenden Staaten in ökonomische und finanzielle Abhängigkeit zu bringen und die Vormachtstellung der USA auszubauen. Infolge der engen Verflechtung englischer, französischer und amerikanischer Bankhäuser bildeten sich gemeinsame ökonomische, politische und militärische Interessen zwischen der Entente und den Vereinigten Staaten heraus. Der steigende Bedarf an Waffen, Munition, Ausrüstungsgegenständen und Nahrungsmitteln zwang die Regierungen der europäischen Alliierten, deren Goldvorräte rasch abnahmen, auf Kredit zu kaufen. Innerhalb von Jahresfrist wurden die USA zum Gläubiger der Entente. Die Verschuldung der Alliierten erhöhte sich noch durch Kriegsanleihen, die das Pariser Bankhaus Rothschild durch die Vermittlung eines amerikanischen Bankkonsortiums aufnahm. Da ein militärischer Sieg Deutschlands es den Regierungen der Entente unmöglich gemacht hätte, die auf zwei Milliarden Dollar angewachsenen Schulden zurückzuzahlen, waren einflußreiche amerikanische Monopolverbände, insbesondere der Du-Pont-Rüstungskonzern und das Bankhaus Morgan, an einem Sieg der Alliierten interessiert und arbeiteten systematisch auf einen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten hin. Sie setzten die Regierung unter Druck, entfalteten mit Hilfe der von ihnen beherrschten Presse eine militaristische Propagandakampagne, forderten die Einführung der Militärdienstpflicht und bemühten sich, nationalistische Vorurteile zu aktivieren, Emotionen aufzupeitschen sowie eine antideutsche Stimmung zu entfachen.

Die außen- und innenpolitischen Ereignisse bewirkten, daß unter der ethnisch so heterogen zusammengesetzten Bevölkerung der USA latent vorhandene Gegensätze aufbrachen und Konflikte entstanden. Das Gros der US-Amerikaner stammte von englischen Einwanderern ab und besaß auf Grund der gleichen Sprache, kultureller Gemeinsamkeiten, der Tradition, ähnlicher sozialpsychischer Merkmale und handfester wirtschaftlicher Interessen eine gefühlsmäßige Bindung an England. Das galt besonders für die alteingesessenen, zumeist wohlhabenden, politisch und sozial einflußreichen Schichten der amerikanischen Bourgeoisie, die eine eindeutig proenglische Haltung an den Tag legten und lautstark die Teilnahme der USA am Krieg forderten. Demgegenüber sympathisierten rund zehn Millionen deutschstämmige Amerikaner, einige Millionen von Irisch-Amerikanern sowie Hunderttausende von osteuropäischen Einwanderern, die aus dem zaristischen Völkergefängnis nach den USA gekommen waren und den Sturz des Zarismus wünschten, mit Deutschland. Zahlreiche Farmerverbände, pazifistische Gesellschaften und religiöse Gruppierungen, wie die Quäker, agitierten für die strikte Wahrung der Neutralität der Vereinigten Staaten und wandten sich gegen jedwede Militärdienstpflicht.

Das amerikanische Proletariat, die Gewerkschaften und die Arbeiterparteien blieben von dieser Entwicklung nicht unberührt. Die vom Monopolkapital korrumpierte Führung des zahlenmäßig stärksten Gewerkschaftsverbandes, der American Federation of Labor (AFL), unterstützte bedingungslos die Politik von Präsident Woodrow Wilson. Sie bot der Regierung ihre Dienste an und forderte die amerikanische Arbeiterschaft auf, dem Beispiel der obersten Gewerkschaftsleitung zu folgen. Demgegenüber wandten sich der Verband der Industriearbeiter der Welt (IWW), die Zentristen und der linke Flügel der Socialist Party, die bereits im August 1914 eine Resolution verabschiedet hatten, in der sie ihre Opposition gegen den "sinnlosen Konflikt" bekräftigten, leidenschaftlich gegen alle Versuche, die Vereinigten Staaten in den Krieg hineinzuziehen.

Am 11. April 1917, fünf Tage nachdem die Regierung der USA Deutschland den Krieg erklärt hatte, hielt die Socialist Party in St. Louis einen außerordentlichen Parteitag ab, um die neuentstandene Situation zu erörtern. Ein von Vertretern des rechten Flügels eingebrachter Entschließungsantrag, der es den Sozialisten zur Pflicht machen sollte, "unserer Nation und unseren Alliierten zu helfen, den Krieg so schnell wie möglich zu gewinnen", erhielt nicht einmal drei Prozent der abgegebenen Stimmen. Mit überwältigender Mehrheit billigten die Delegierten demgegenüber eine Resolution, in der auf den proletarischen Internationalismus verwiesen und empfohlen wurde, durch Demonstrationen, Massenpetitionen und andere Mittel aktiv und öffentlich Widerstand gegen den Krieg zu leisten. Wörtlich hieß es. "Wir brandmarken die Kriegserklärung unserer Regierung als ein Verbrechen gegen die Bevölkerung der Vereinigten Staaten und gegen die Nationen der Welt." In einer Urabstimmung sprachen sich 21000 Mitglieder für diese Resolution und nur 350 dagegen aus. Diese klare Entscheidung nahm eine Anzahl von Intellektuellen des rechten Flügels der Partei zum Anlaß, aus der Socialist Party auszutreten. Zu ihnen gehörte der Schriftsteller Upton Sinclair.

Der dem Kleinbürgertum entstammende Autor, der sich in jungen Jahren Elementarkenntnisse der marxistischen Weltanschauung angeeignet und in mehreren Romanen, Essays und soziologischen Abhandlungen Mißstände des monopolkapitalistischen Systems angeprangert hatte, bekannte sich bei Ausbruch des Krieges zunächst zum Pazifismus. Zeugen seine vor 1917 publizierten antimilitaristischen Aufsätze einerseits von seiner Friedensliebe, so verraten sie andererseits, daß ihm die Ursachen und das Wesen imperialistischer Kriege nicht bis ins letzte klargeworden waren. Empfänglich für die geschickt vorgetäuschte Friedenspolitik Woodrow Wilsons, sah Sinclair im amerikanischen Präsidenten einen Vorkämpfer für Freiheit und Humanismus. Er hegte Illusionen über die tatsächlichen Absichten der Wilson-Administration, ließ sich von den salbungsvollen Reden des Mannes im Weißen Haus tauschen, schenkte den Phrasen Glauben, dieser Krieg bedeute das Ende aller Kriege, und nahm Wilsons demagogisches Geschwätz von einem Frieden ohne Annexion für bare Münze. Daraus erklärt sich, daß er einen Unterschied zwischen den Zielen des Präsidenten und denen des amerikanischen Großkapitals sah, der objektiv nicht existierte.

Unter dem Eindruck der Propagandameldungen über angebliche Massaker der Deutschen an belgischen Frauen und Kindern und empört über den von der obersten deutschen Heeresleitung verfügten uneingeschränkten U-Boot-Krieg, gab Sinclair nach und nach seine pazifistische Position auf, schloß sich dem rechten Flügel der Socialist Party an und zog aus der Niederlage dieser Gruppe auf dem Kongreß von St. Louis die Konsequenzen. In seiner Austrittserklärung betonte er, daß er - obwohl keineswegs blind in bezug auf den Charakter des amerikanischen Monopolkapitalismus - den deutschen Militarismus für gefährlicher halte. Ein vollständiger Sieg der Mittelmächte, so glaubte er, würde für die ganze Welt schwerwiegende Folgen haben.

Im Gegensatz zu anderen prominenten Intellektuellen, die der Partei in dieser Situation nicht nur den Rücken kehrten, sondern zu erbitterten Renegaten wurden, in den Sold der Monopolpresse traten, die Socialist Party mit Schmutz bewarfen, deren Führer und Präsidentschaftskandidaten Eugene Debs diffamierten und ihre bisherigen Genossen denunzierten, ließ sich Upton Sinclair nicht kaufen. Die ihm mehrfach unterbreiteten verlockenden Angebote, für hohe Honorare Artikel gegen amerikanische Marxisten und russische Bolschewiki zu verfassen, lehnte er entrüstet ab.

Er zog sich nach Kalifornien zurück und nahm im April 1918 die Arbeit an dem Roman "Jimmie Higgins" auf. Dies geschah zunächst in der Absicht, die verworrene Situation widerzuspiegeln, die sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch innerhalb des organisierten Proletariats der USA herrschte, seine persönlichen Auffassungen über die welt-politische Lage kundzutun und die den Krieg nach wie vor ablehnenden Arbeiter davon zu überzeugen, daß der deutsche Imperialismus unter allen Umständen daran gehindert werden müsse, die Welt zu erobern.

Die ersten Kapitel des Romans erschienen als Fortsetzungsserie in dem vom Autor selbst herausgegebenen Magazin "Upton Sinclair's". Nachdem dieses eigene Publikationsorgan eingegangen war, bediente sich der Autor der prosozialistischen Zeitschrift "Appeal to Reason", um weitere Kapitel von "Jimmie Higgins" zu veröffentlichen. Während er noch am Manuskript arbeitete, trat ein Ereignis ein, das ihn zwang, seine Haltung zum ersten Weltkrieg und zur Politik der Vereinigten Staaten kritisch zu überprüfen: die Teilnahme amerikanischer Truppen an der imperialistischen Intervention gegen die junge Sowjetmacht.

Die herrschende Klasse der USA begegnete der Sowjetregierung von Anfang an mit unverhohlenem Mißtrauen und wachsender Feindschaft. Sie sah in der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution eine Gefahr für das kapitalistische Weltsystem, befürchtete ein Übergreifen der revolutionären Bewegung auf andere Länder, wies das Leninsche Dekret über den Frieden zurück und bemühte sich, die sowjetische Führung teils durch Verlockungen, teils durch Drohungen zu veranlassen, den Kampf gegen Deutschland fortzusetzen. Da die Sowjetregierung jedoch entschlossen war, unter allen Umständen aus dem imperialistischen Krieg auszuscheiden, und überdies erste sozialistische Umgestaltungen im Gesellschaftssystem durchzuführen begann, faßte man in London, Paris und in Washington den Beschluß, sie zu stürzen und die kapitalistische Ordnung wiederherzustellen. Dieses Ziel sollte einerseits durch die moralische, finanzielle und materielle Unterstützung konterrevolutionärer Kräfte in Rußland und andererseits durch eine direkte militärische Intervention erreicht werden.

Unter dem fadenscheinigen Vorwand, einer angeblich drohenden deutschen Invasion zuvorkommen zu müssen, landeten im März 1918 englische und französische Truppen in Murmansk. Die Vereinigten Staaten beteiligten sich bald darauf an dieser Aggression. Die 85. US-Division ging bei Murmansk an Land, das 339. Infanterieregiment wurde nördlich der Dwina eingesetzt. Andere Einheiten bezogen in Archangelsk Ausgangspositionen, um von hier nach Süden vorzustoßen und Petrograd einzunehmen. Außerdem landete im August 1918 ein amerikanisches Expeditionskorps in Wladiwostok. Bei den in Nordrußland eingesetzten Invasionstruppen, die keinerlei bedeutsame militärische Erfolge zu erringen vermochten, breitete sich - nicht zuletzt dank einer von kommunistischen Agitatoren betriebenen wirksamen Aufklärungsarbeit - eine Antikriegsstimmung aus, die das Entstehen revolutionärer Aktionen begünstigte. So kam es am 30. März 1919 in mehreren amerikanischen Einheiten zu Fällen von Befehlsverweigerung und offener Meuterei. Betroffen über die Wirksamkeit der kommunistischen Agitation und bedrängt von der Roten Armee, sah sich das Oberkommando der Interventen gezwungen, die Invasionstruppen aus Nordrußland abzuziehen.

Upton Sinclair, der die Oktoberrevolution begrüßt, das Verhalten der deutschen Unterhändler während der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk als reine Erpressung bezeichnet und den weiteren Vormarsch der deutschen Armeen gegen Petrograd verurteilt hatte, war empört über die Teilnahme seines Landes an der militärischen Aggression gegen die Bolschewiki. In diesem Punkt ergaben sich Gemeinsamkeiten zwischen ihm und der Führung der Socialist Party, die ebenfalls mit aller Entschiedenheit gegen die Intervention der USA in Nordrußland und in Sibirien protestierte und auf ihrem Parteitag im Jahre 1919 gelobte, "die revolutionären Arbeiter Rußlands bei der Aufrechterhaltung ihres Sowjetregimes zu unterstützen". Sinclairs Beitrag zu diesem Bemühen bestand darin, mit Hilfe des vorliegenden, bereits 1919 vollendeten und in Buchform erschienenen Romans seinen Landsleuten die Augen über die antisowjetische Grundhaltung der Westmächte und über den Charakter der amerikanischen Intervention zu öffnen.

Der Autor verdichtete seine Grundidee, indem er einen schlichten, ungebildeten, aber wissensdurstigen, klassenbewußten Arbeiter zur Zentralfigur wählte und ihn eine Entwicklung vom überzeugten Pazifisten zum zaudernden Kriegsfreiwilligen und schließlich zum Märtyrer für die Sache der Bolschewiki nehmen ließ.

Der unscheinbare Maschinenarbeiter Jimmie Higgins ist, was Herkunft, Mentalität und Verhaltensweise angeht, ein echter Proletarier, "einer jener unbekannten Helden, die eine Bewegung repräsentieren, welche die Welt verändert". Der mit einer tschechisch sprechenden Frau verheiratete Jimmie ist, da er nichts über seine eigenen Vorfahren weiß, ethnisch nicht vorbelastet. Frei von Traditionen und emotionalen Bindungen an eine alte Heimat, hegt er anfänglich weder Sympathien für noch Vorurteile gegen eine der beiden kriegführenden Staatengruppen. Sinclair schafft sich mit dem unvoreingenommenen, zunächst auf neutralem Boden stehenden Jimmie, der Freunde im proenglischen wie im prodeutschen Lager hat und eine Flut gegensätzlicher Argumente über sich ergehen lassen muß, ein geeignetes Medium, das Dilemma sichtbar zu machen, in dem sich die einfachen Mitglieder der Socialist Party befanden. Er versetzt ihn in Situationen, die Brennpunkte des politischen und ökonomischen Lebens innerhalb der Vereinigten Staaten sowie des militärischen Geschehens in Europa waren. Jedes dieser Erlebnisse erweitert den Horizont seines Helden, gewährt ihm neue Einsichten, vertieft sein Verständnis, formt sein Bewußtsein und läßt ihn gemäß dem erreichten Reifegrad handeln.

Upton Sinclair bemüht sich nicht nur, Jimmie Higgins' Einstellung zum Krieg, zur herrschenden Klasse der USA und zum imperialistischen Staat, zur Arbeiterklasse und zur Socialist Party, zur Oktoberrevolution und zur alliierten Intervention als typisch für die Haltung von Zehntausenden amerikanischer Arbeiter aufzuzeigen, sondern er benutzt ihn auch als Sprachrohr, um die eigenen weltanschaulichen Positionen darzulegen. Diese sind allerdings nicht völlig frei von Widersprüchen.

Daß Sinclair die Teilnahme der USA am ersten Weltkrieg bejaht, erklärt sich aus seiner Frontstellung gegen den preußischen Militarismus. Nicht zufällig trägt gerade das erpresserische Vorgehen der Deutschen gegen die Bolschewiki während der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk dazu bei, Jimmie Higgins' Pazifismus zu erschüttern. Illusionär sind demgegenüber wie bereits erwähnt, die Vorstellungen, die Sinclair bezüglich der Innen- und Außenpolitik Woodrow Wilsons äußert. Zu versöhnlich der Großbourgeoisie gegenüber mögen zunächst auch die Töne klingen, die in einigen Abschnitten des vierundzwanzigsten Kapitels angeschlagen werden, doch dient die ganze Nebenhandlung um Lacey Granitch dem Autor dazu, den Lebensumständen seines Helden die der herrschenden Klasse gegenüberzustellen. Lacey erscheint zu Romanbeginn als der typische Sohn eines reichen Vaters - ein Nichtstuer, Spieler und Frauenheld, der verächtlich auf die Arbeiter herabsieht. Durch seine schlimmen Erlebnisse wird er zerbrochen, aber zugleich zum Nachdenken gebracht. Er erkennt, wie verderblich der Einfluß des Geldes und der Mangel an echter Liebe für einen jungen Mann sind, der in einer allein von finanziellen Interessen geprägten Umwelt aufwächst und unter anderen Bedingungen möglicherweise ein brauchbarer Mensch geworden wäre. So verstanden, darf der Leser sicher Mitleid mit ihm haben. An Sinclairs prinzipieller Verurteilung der bürgerlichen Lebensweise hingegen bleibt kein Zweifel. Ein wenig einseitig und herablassend schließlich wirkt das Bild, das Sinclair von den Suffragetten zeichnet.

Der Autor bezieht Hunderte von ökonomischen, politischen, soziologischen und militärischen Tatsachen, von der Eroberung Belgiens über die Versenkung der "Lusitania" bis zu Wilsons "Vierzehn Punkten", in sein Werk ein. Da er jedoch nicht auf das freie Erfinden verzichtet und die Fülle des Faktenmaterials unter Berücksichtigung formalästhetischer Prinzipien darbietet, ist das Buch keineswegs zur faktographischen Literatur zu zählen.

Genremäßig ist "Jimmie Higgins" ein Roman, in dem tatsächliche, aktuelle Ereignisse literarisch verdichtet werden. Historisches Geschehen wird unter Einsatz künstlerischer Mittel mit fiktiven Zusätzen versehen und mit imaginativen Begebenheiten umrankt. Der Versuch, das Dokumentarische und das Imaginative zu einer Einheit zu verweben, ist dem Autor indes nicht durchgehend gelungen. Gerade einige jener Passagen, die als Produkte der dichterischen Einbildungskraft und Phantasie anzusehen sind, gehören zu den schwächeren Partien des Buches. So wirkt die Episode, in der von der Kastrierung Lacey Granitchs berichtet wird - vom Autor offenbar eingeführt, um aufzuzeigen, wie verderbt, dekadent und bestialisch die Söhne von Multimillionären sind -, fast wie eine Schauergeschichte, die Beschreibung der verheerenden Folgen der Explosionskatastrophe gleitet teilweise ins Melodramatische ab, und Jimmies Rededuell mit dem englischen König erscheint in der geschilderten Form unglaubhaft. Hier und da zeigen sich noch weitere künstlerische Schwächen: eine gewisse gönnerhafte Haltung des Autors gegenüber seinem Helden, eine blasse Charakterzeichnung bei Nebenfiguren, psychologisch nicht genügend motivierte Handlungen, ein allzu starkes Hervortreten des didaktischen und des agitatorischen Elements.

Diese Mängel werden jedoch wettgemacht durch Sinclairs Fähigkeit, große Zusammenhänge zu veranschaulichen, spannend zu erzählen und Atmosphäre lebendig werden zu lassen. Insbesondere vermittelt er dem Leser ein in allen Einzelheiten zutreffendes Bild von der Situation, in der ich die Sozialistische Partei der USA während des ersten Weltkriegs befand. Jimmies Bemerkung, daß nur etwa dreißig der insgesamt einhundertundzwanzig Parteimitglieder von Leesville zum aktiven Kern zählen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die zahlenmäßige Schwäche und die geringe Schlagkraft der Ortsgruppe. Wenn der Autor seinen Helden im Opernhaus die Fahnen des Karl-Marx-Vereins, des Jungsozialistenverbandes, der Maschinenarbeitergewerkschaft, Ortsgruppe 4717, der Zimmermannsgewerkschaft, Bezirk 529, und des Arbeiterkonsumvereins befestigen läßt, macht er indirekt aufmerksam auf die starke Zersplitterung der Gewerkschaftsverbände und Arbeitervereinigungen, die - ohne ein organisatorisches oder ideologisches Zentrum zu besitzen - nach eigenem Gutdünken schalteten und walteten. Der Streit um die Finanzierung des Leesviller "Worker" verdeutlicht, daß die Publikationsorgane der Partei oftmals in Privatbesitz waren und daß die Herausgeber oder Redakteure ihre subjektiven Ansichten verbreiteten. In der Parteiarbeit dominierte praktizistische Beschäftigung mit Tagesaufgaben. Jimmies Begeisterung für einen letztlich abstrakt aufgefaßten Sozialismus und seine naiven Versuche, Ashton Chalmers, den Präsidenten der First National Bank, von den Vorzügen des Sozialismus zu überzeugen, spiegeln deutlich die bei einfachen, ungebildeten Arbeitern erklärlicherweise fehlende Kenntnis der marxistischen Theorie wider. Die innerhalb der Ortsgruppe von Leesville geführten ideologischen Diskussionen lassen erkennen, welche unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Auffassungen unter den Mitgliedern über das Wesen des Sozialismus vorherrschten. Die Palette reicht von Vorstellungen eines christlich gefärbten utopischen Sozialismus bis hin zum Anarchismus. Eine wesentliche Ursache hierfür ist die soziale Zusammensetzung der Partei. Am Beispiel des Empfangskomitees für den Präsidentschaftskandidaten wird klar, daß kleinbürgerliche Elemente und Vertreter der Arbeiteraristokratie den Ton angaben. Der wohlhabende Dr. Service und der redegewandte Rechtsanwalt Norwood gehören zu jener großen Schar bürgerlicher Intellektueller, die einen entscheidenden Einfluß auf die Parteipolitik ausübten. Diese "Salonsozialisten", denen jede marxistische Grundlage fehlte, begnügten sich mit Teilforderungen, wünschten bestenfalls Reformen und sprachen sich gegen revolutionäre Aktionen aus. Am anderen Ende des breitgefächerten Spektrums steht Bill Murray, der "Wilde Bill". Er ist der Exponent jener linken Sektierer, die "direkte Aktionen" anstrebten, die Sabotage in Klassenkampf bejahten, Gewaltmaßnahmen befürworteten und zum Anarchismus neigten.

Innerhalb dieser so heterogen zusammengesetzten Partei wurden, wie in den ersten Kapiteln anschaulich dargelegt wird, im Zeitraum von 1914 bis 1917 zwischen den Internationalisten und den Verfechtern des bürgerlichen Nationalismus erbitterte ideologische Auseinandersetzungen geführt. Da diese sich zumeist am aktuellen Geschehen entzündeten, bezieht Sinclair nahezu alle bedeutsamen zeitgenössischen Ereignisse ein und läßt das Pro und Kontra durch Personen vortragen, die ethnisch und sozial unterschiedlichen Gruppierungen angehören. Auf diese Weise macht er den Leser mit all jenen Meinungen vertraut, die auch während des Parteitags in St. Louis eine Rolle spielten. Die Argumente, die der Präsidentschaftskandidat vorträgt, stimmen überein mit den Positionen, die die Zentristen der Socialist Party unter Hillquit bei Ausbruch des Krieges einnahmen. Der Arzt Dr. Service und der Jurist Norwood, beide englischer Herkunft, bringen die Grundeinstellung des rechten Flügels der Partei zum Ausdruck. Sie sind Prototypen der offenen Befürworter des Krieges und stehen stellvertretend für Männer wie Simon, Benson, Stokes, Walling und Spargo, die der Partei im April 1917 den Rücken kehrten. Zu ihren Gegenspielern gehört der Genosse Schneider, Sprachrohr Hunderttausender von deutschstämmigen Amerikanern, die sich ihrem früheren Vaterland ebenso verbunden fühlen wie Dr. Service dem England seiner Vorfahren. Der rumänische Jude Stankewitz, der begreift, daß es zwischen französischen, deutschen und amerikanischen Bankiers keinen qualitativen Unterschied gibt, verkörpert - wie Smith, der Herausgeber des "Worker" - die Mitglieder des linken Flügels der Socialist Party. Mary Allen schließlich repräsentiert die Pazifisten, die nach 1917 zu Tausenden wegen ihrer Anti-Kriegs-Propaganda in die Gefängnisse geworfen wurden. Indem Sinclair Vertreter der verschiedenen Interessengruppen zu Wort kommen läßt, verdeutlicht er, wie schwer es für einen einfachen Arbeiter vom Bildungsgrad Jimmie Higgins' war, die verwirrende Fülle der Argumente, der parteilichen Meinungen und der widerspruchsvollen Informationen zu durchschauen und zu einem eigenen Urteil zu gelangen.

Das Bild einer in sich zerstrittenen, in den Grundzügen jedoch progressiven Partei wirkt um so makabrer, als die Bourgeoisie der USA auch in den Kriegsjahren, fortfuhr, den Klassenkampf mit aller Härte zu führen. Jimmie Higgins erlebt am eigenen Leib die Folgen der Automatisierung, den Einsatz staatlicher Machtmittel gegen Streikende, Polizeiwillkür, Aussperrung, fristlose Entlassung aus politischen Gründen, das Wirken von Provokateuren, das System der schwarzen Listen und die Verteufelung aller Sozialisten. Er weiß, wie schwierig es ist, die Arbeiter gewerkschaftlich zu organisieren und den Kampf um den Achtstundentag zu führen. Sinclair verweist auf die enge Verflechtung des internationalen Finanzkapitals, zeigt, welche Rolle die Bankhäuser Rothschild und Morgan bei der Gewährung von Kriegskrediten und Anleihen spielten, macht am Beispiel der Empire Machine Shops von Leesville sichtbar, daß die amerikanischen Konzerne, insbesondere im Bereich der metallurgischen und der chemischen Industrie, durch französische und russische Rüstungsaufträge die Möglichkeit erhielten, die Produktion beträchtlich zu erhöhen und enorme Gewinne zu erzielen, und er geht auf die Folgen des Rüstungsbooms ein: Bodenspekulation, steigende Preise für Mieten und Lebensmittel, Exmittierungen, Arbeitsunfälle und Katastrophen. Er vergegenwärtigt, mit welcher Begeisterung amerikanische Arbeiter die Nachricht von der Oktoberrevolution begrüßten, und entlarvt die ganz anders gearteten Reaktionen der kapitalistischen Presse.

Verständlicherweise beschreibt Sinclair ausführlich die mannigfachen Methoden, deren sich der imperialistische Staat nach dem 6. April 1917 bediente, um die Anti-Kriegs-Aktivitäten von Sozialisten und Pazifisten lahmzulegen und jede Opposition zu ersticken: die Versuche, den IWW zu zerschlagen, die Mobilisierung der öffentlichen Meinung durch die Monopolpresse, den von aufgeputschten Chauvinisten verbreiteten physischen und geistigen Terror, die Unterdrückung der Rede- und Versammlungsfreiheit, die Verhaftung von Kriegsgegnern und das Wüten der Klassenjustiz. Jimmie Higgins wurde vorübergehend das gleiche Los zuteil wie den Führern des linken Flügels der Socialist Party, Eugene Debs, Charles Ruthenberg und Alfred Wagenknecht, die wegen öffentlich gehaltener Reden gegen den Krieg zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Sinclair benutzt die Faktizität von Ereignissen, um Stellung zu beziehen, Partei zu ergreifen, aufzuklären und politisch-ideologische Kenntnisse weiterzugeben. Das geschieht nicht nur durch die Auswahl des dargebotenen Materials, sondern auch durch den auktorialen Kommentar, durch das unmittelbare Hervortreten des meinungssuggerierenden Autors.

Wenngleich manch eine Passage des Romans für den heutigen Leser vorwiegend kulturhistorischen Wert besitzt, ist sein zentrales Anliegen noch immer aktuell. Am aggressiven Wesen des Imperialismus hat sich nichts geändert, das Problem der Zersplitterung der Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Parteien in der bürgerlichen Welt besteht weiter, und die Arbeiter dieser Länder sind aufgerufen, sich - gleich Jimmie Higgins - für den gesellschaftlichen Fortschritt zu entscheiden. Upton Sinclairs besonderes Verdienst liegt darin, mit seinem Roman sofort und unmittelbar auf die vielfältigen Fragen, vor die der erste Weltkrieg das internationale Proletariat stellte, reagiert und seinen Zeitgenossen die epochale Bedeutung der Oktoberrevolution klargemacht zu haben. Die anrührende, überzeugende Wirkung, die das Buch auch auf uns noch ausübt, verdankt es seinem Helden Jimmie Higgins, dessen Lebensweg der Leser mit Sympathie und Interesse, mit Spannung und Erschütterung verfolgt.

 

 

Erstellt: 21.11.2015 - 10:40  |  Geändert: 16.11.2017 - 10:12

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